Erstellt am 27. Mai 2014, 14:05

Flächendeckende Palliativ-Versorgung geplant. Menschen mit nicht mehr heilbaren Erkrankungen benötigen am Ende ihres Lebens eine spezielle Betreuung in medizinischer, pflegerischer, sozialer und spiritueller Hinsicht. Bisher fehlte in Österreich ein flächendeckendes System.

Jetzt soll sich mit der Planung eine vom Gesundheitsministerium eingesetzte Arbeitsgruppe beschäftigen, hieß es bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado. Das Gesundheitsministerium hätte vor kurzem mit einem Mail eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Österreichischen Gesellschaft für Palliativmedizin einberufen, erklärte der oberösterreichische Allgemeinmediziner Wolfgang Wiesmayr bei der Tagung der Österreichischen Ärztekammer (bis 31. Mai). "Wir sollen uns darum kümmern, die Palliativmedizin in die Regelversorgung zu bekommen", so Wiesmayr, der als einer der Pioniere auf diesem Gebiet in Österreich gilt.

Der Bedarf an Betreuungsdiensten und Versorgungseinrichtungen für Menschen am Ende ihres Lebens steigt. Jährlich stirbt derzeit etwa ein Prozent der österreichischen Bevölkerung. Doch durch die demografische Entwicklung werden es bereits im Jahr 2030 1,5 Sterbefälle pro hundert Einwohner und Jahr sein. "Das ist eine 50-prozentige Steigerung. Wir schätzen, dass etwa zehn Prozent dieser Menschen palliativmedizinischen Bedarf haben", sagte Wiesmayr.

Dabei geht es um die Linderung von Symptomen im Endstadium von tödlichen Erkrankungen, oft um eine 24-Stunden-Pflege, welche die Angehörigen entlastet, um die Aktivierung von Sozialdiensten, psychische und spirituelle Betreuung. Patienten und Angehörigen soll die Situation mit absehbarem Ende so ertragbar wie möglich gemacht werden. Die Betroffenen sind bei weitem nicht "nur" Krebskranke.

Versorgungseinrichtungen notwendig

Hier agierten Gesellschaft und Medizin oft zumindest realitätsfern, meinte der Experte. In den fortgeschrittensten Stadien einer chronischen Herzinsuffizienz oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung werde eigenartigerweise nicht vom Sterben geredet. Dabei wäre hier die Prognose für die Betroffenen zumindest so schlecht wie bei onkologischen Erkrankungen im fortgeschrittenen Stadium.

Bereits vor mehr als zehn Jahren gab es im österreichischen Parlament eine All-Parteien-Entschließung, welche Schritte zur Etablierung einer fachlich qualifizierten Betreuung von Menschen mit schweren Erkrankungen am Ende ihres Lebens forderte. Jetzt soll das in Angriff genommen werden. Dazu sind allerdings verschiedenste Versorgungseinrichtungen notwendig.

Mobiles, multiprofessionelles Palliativteam

Die Basis bildet ein mobiles Hospizteam aus speziell ausgebildeten Ehrenamtlichen, die Beistand und Sitzwachen abdecken können, ebenso die Unterstützung in der Trauerphase der Angehörigen. Hier benötigt man aber auch eine hauptamtlich beschäftigte und ausgebildete Person pro 80.000 Einwohner zur Administration und Abwicklung. Die nächste Stufe ist ein mobiles, multiprofessionelles Palliativteam (spezialisierte Pflege etc.), welches die Hausärzte und die Angehörigen unterstützt (etwa ein Team pro 140.000 Einwohner). Für jedes Spital sollte wiederum ein Beratungsdienst (Konsiliardienst) von Experten spezialisierter Einrichtungen für Patienten erreichbar sein. In Tageshospizen (in Ballungszentren) können Patienten zeitweise betreut werden.

Stationäre Hospize sollen schließlich für bestimmte Betroffene für eine Langzeitversorgung von mehr als drei Wochen etabliert werden. Das Problem dabei, so Wiesmayr: Diese Einrichtungen fallen nicht in die Gesundheitsversorgung der Bundesländer, sondern in die Sozialreferate. Es gebe Selbstbehalte von 270 Euro pro Tag. Man rechne mit einem Bedarf von 50 bis 70 Betten pro Million Einwohner. Die Spitze der Versorgung können Palliativstationen als eigene Abteilung vor allem in Schwerpunktkrankenhäusern darstellen. Dort sei die Zielrichtung aber die Wiederentlassung der Patienten nach hoch spezialisierter Therapie innerhalb von einigen Wochen. Man sollte aber den "Sterbewunschort" möglich machen.

Es gibt keinen Zweifel an der Notwendigkeit und an der Sinnhaftigkeit solcher Angebote für die Patienten selbst, betonte der Experte. Und allein psychosozialer Beistand und Unterstützung in der Trauerphase nach dem Tod des Angehörigen reduziert im nachfolgenden Jahr die Krankenstände bei den Hinterbliebenen um 50 Prozent und die Verschreibung von psychiatrischen Medikamenten um 90 Prozent.