Erstellt am 04. April 2011, 08:00

Glück statt Sucht. GESUND / Wie sehr man gelernt hat, gute Beziehungen zu gestalten, hat Folgen auf das Wohl und damit auf das Suchtrisiko.

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VON CHRISTINE HAIDERER

Vor 30 Jahren glaubte man, man müsste den Menschen drastisch klar machen, wie sehr sie sich mit Sucht selbst schädigen, erzählte Winfrid Janisch bei „(un)glück – sucht“, einer Tagung vom Familienverband der Diözese St. Pölten sowie weiteren Organisatoren. Doch: „Sucht wird nicht durch die Angst vor den Folgen verhindert.“ Sondern: „Es geht in allererster Linie um die Fragen: Lebe ich das Leben, das zu mir passt? Bin ich glücklich? Kann ich meine Fähigkeiten umsetzen? Kriege ich dafür aus meinem Umfeld Feedback?“

Dabei spielen Beziehungen – zu Eltern, Mentoren von außen – eine wesentliche Rolle. Zum einen tragen sie dazu bei, sich wohl zu fühlen. „Gehirnforscher sagen, dass gelingende Beziehungen die gleichen Auswirkungen haben wie die stärksten Drogen.“ Sie bedeuten Zuwendung, Anerkennung, Empathie, Berührung, Zugehörigkeit, Erfolg. Und damit wird die Ausschüttung von Dopamin, Serotonin, Endorphinen und Oxytocin gefördert.
Zum anderen lernt man viel durch gute Beziehungen in der Kindheit. Zum Beispiel bilden sich Spiegelneuronen aus, dank derer man sich in andere hineinfühlen kann.

Zuwendung ist wichtig, um später zu verstehen

Hingegen: „Menschen, die in den ersten zehn Jahren wenig Zuwendung, wenig Beziehung erlebt haben, können Veränderungen in der Mimik ihres Gegenübers nicht richtig lesen“, erläutert Janisch. Weil sie die Mimik nicht deuten können, verstehen sie vieles falsch, sind frustriert …

Ein Mangel an Beziehungen kann zu einem instabilen Selbstwertgefühl, Misstrauen, sozialem Rückzug, Angst und Depression führen, und er „sorgt immer wieder dafür, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene emotional hungrig bleiben.“ Und das hat Folgen. Denn: „Wenn Wohlbefinden nicht durch gelingende Beziehungen erreicht wird, werden Äquivalente dafür gesucht und gefunden.“ So greift man zu Computer, Handy, Spiele, Drogen, Alkohol & Co. Passiert das immer öfter, kann sich Sucht entwickeln.
„Es ist ein Prozess, der über lange Zeit geht, der gelingende Beziehungen ersetzen soll und der von regelmäßigem Suchtverhalten zur Sucht führen kann“, so Janisch.

Dabei nimmt die Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf Beziehungen einzulassen, ab. Das Suchtmittel lässt zunehmend nur mehr sich selbst zu. Und andere Möglichkeiten, die einem Wohlbefinden bringen könnten (wie gute Gespräche, ein Buch, Sport etc.), werden in den Hintergrund gedrängt. Ein Tipp für alle: Jeder sollte seine Palette an wohltuenden Tätigkeiten breit gefächert halten.