Erstellt am 20. April 2015, 13:57

Hilfswerk warnt vor akutem Anstieg der Pflegebedürftigen. Das Hilfswerk warnt vor einem deutlichen Anstieg der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren. "Die demografische Atempause ist vorbei", sagte Präsident Othmar Karas bei einer Pressekonferenz am Montag und forderte die Politik zum Handeln auf.

In den nächsten Jahren werde es rund 10.000 Pflegebedürftige mehr pro Jahr geben. Das bedeute jährlich einen Bedarf an etwa 1.500 zusätzlichen Heimplätzen, 1.000 zusätzlichen Pflege- und Betreuungskräften, 1.000 zusätzlichen Personenbetreuern und rund 150 Mio. Euro Mehrkosten, meinte Karas.

Grund für den Anstieg sei, dass die starken Geburtenjahrgänge vom Ende der 1930er-Jahre nun ins Pflegealter kommen würden, sagte Franz Kolland, Professor für Soziologie an der Uni Wien. Für die nächsten 30 Jahre sei mit einer konstanten Steigerung der Pflegebedürftigkeit zu rechnen und das österreichische Pflegesystem werde schon in Kürze mit dem Nachrücken der geburtenstarken Jahrgänge überlastet sein, sagte Karas.

"Nicht drüberschwindeln"

"Wir appellieren an die Politik, sich nicht drüberschwindeln zu wollen", betonte Karas. Die Finanzierung der Pflege müsse 2016 gemeinsam mit der Pensionsreform neu geregelt werden und eine neue Bund-Länder-Vereinbarung mit klarer Aufgabenteilung und österreichweit vergleichbaren Rahmenbedingungen abgeschlossen werden, so der Hilfswerk-Präsident.

Bei den derzeitigen Reformvorhaben werde der Bereich der Langzeitpflege im Vergleich zum Spitalsbereich stark vernachlässigt, kritisierte Karas. In der aktuellen Debatte über die Arbeitszeitenregelung und die Gehälter dürfe man die Langzeitpflege nicht ausklammern.

85 Prozent zuhause betreut

Derzeit werden 85 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zuhause betreut. Davon nehmen rund fünf Prozent die 24-Stunden-Betreuung in Anspruch, 25 Prozent mobile Dienste und etwa 55 Prozent werden ausschließlich von Angehörigen betreut. "Die Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Betreuungsstruktur fortschreibt", sagte Geschäftsführer Walter Marschitz. Allerdings nehme die Zahl der Angehörigen, die die Pflege zuhause übernehmen, eher ab.

Handlungsbedarf besteht aus Sicht des Hilfswerks besonders in der langfristigen Sicherung der Pflegefinanzierung, in der Ausbildung und Bezahlung der Pflegekräfte sowie beim Ausbau der mobilen Dienste und der Verbesserung der 24-Stunden-Betreuung.

Die Volkshilfe hält eine umfassende Pflegereform für notwendig."Wir brauchen einen großen Wurf, der eine Reform der Ausbildung beinhaltet. Diese Reform muss auf alle Bereiche der Pflege, also auch der mobilen Pflege, Bezug nehmen", forderte Bundesgeschäftsführer Erich Fenninger am Montag.

Überregionaler Versorgungsplan erforderlich

Ähnlich wie bei der Planung der Gesundheitsversorgung hält Fenninger auch einen überregionalen Plan zur Versorgung der Bevölkerung mit stationären und mobilen Pflege- und Betreuungsleistungen für erforderlich. "Dazu müssen Bund und Länder an einen Tisch, um in einem Masterplan die pflegerische Versorgung im stationären und mobilen Bereich und die nötige Finanzierung sicherzustellen."

Um die Dringlichkeit zu verdeutlichen, verweist Fenninger auf den prognostizierten Bedarf an Pflegeleistungen im Jahr 2020, zu dessen Abdeckung 60 Prozent mehr Einsatzstunden in der mobilen Pflege benötigt werden. Zur Finanzierung schlägt die Volkshilfe eine zweckgebundene Erbschaftssteuer vor. In welcher Form das organisiert wird, sollte Gegenstand der Verhandlungen sein. Sicher ist für Fenninger aber, "dass die Zeit drängt, um sinnvolle Lösungen zu finden".

"Rechtzeitige Umsetzung notwendiger Reformschritte"

Einen Handlungs- und Finanzierungsbedarf im Pflegesystem konstatierte am Montag auch die Wirtschaftskammer. "Der bevorstehende demografische Knick erfordert die rechtzeitige Umsetzung notwendiger, struktureller Reformschritte im Pflegebereich", erklärte der Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit, Martin Gleitsmann. Er will die vom Rechnungshof aufgezeigten Maßnahmen zur Erhöhung der Transparenz und Effizienzsteigerung umsetzen.

Dazu zählen für Gleitsmann "die Schaffung einer Datengrundlage für Bundesländervergleiche, eine vollständige Darstellung der Aufwendungen, die gemeinsame Planung und Steuerung des Angebots, Anreize für eine sparsame Mittelverwendung oder die Implementierung wirksamer Qualitätskriterien." Finanzieren will die Wirtschaftskammer die Pflege aus allgemeinen Steuermitteln.