Erstellt am 08. April 2015, 12:44

Arme Kinder sind öfter krank und erhalten weniger Therapien. 280.000 Kinder leben hierzulande in Armut. Sie sind häufiger von Unfällen betroffen, erkranken öfter und haben geringere Chancen auf Therapien, weil sich ihre Eltern den Selbstbehalt nicht leisten können.

"Je früher, schutzloser und länger sie der Armut ausgesetzt sind, desto stärker sind die Auswirkungen", erklärte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, am Mittwoch in Wien.

Rund jeder sechste junge Mensch in Österreich ist von Armut betroffen, 124.000 davon leben in manifester Armut. "Ihre Eltern haben wenig Einkommen und eine schwierige Arbeitssituation, die Kinder leben in einer kalten Wohnung, die vielleicht von Schimmel befallen ist, sind viel alleine und müssen sich um ihre Geschwister sorgen", machte Schenk bei der Präsentation des Jahresberichtes zur Kindergesundheit in Österreich deutlich. Die enormen körperlichen und seelischen Belastungen von Kindern in Armut hat die Österreichische Kinderliga zum Anlass genommen, diesem Thema einen Jahresschwerpunkt zu widmen.

Unterschiede in der Lebenserwartung

Betroffene Kinder leiden laut Schenk häufiger an Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit, aufgrund der fehlenden sozialen Sicherheit haben sie außerdem oft Schwierigkeiten beim Einschlafen. Auch ihre Schmerzintensität sei zwei- bis dreimal ausgeprägter als jene von Kindern aus bessergestellten Familien.

"Steige ich im ersten Bezirk in die U-Bahn ein und im 15. Bezirk wieder aus, dann liegen dazwischen etwa vier Minuten Fahrzeit, aber auch vier Jahre Unterschied in der Lebenserwartung", betonte Schenk. Als Jugendliche und Erwachsene würden in Armut aufgewachsene Kinder nämlich dreimal so häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenksbeschwerden, Diabetes und psychischen Krankheiten leiden, wodurch sie im Schnitt um fünf bis acht Jahre früher sterben.

Selbstbehalte nicht leistbar

"Kinder und Jugendliche machen etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung aus. Die Gesundheitsausgaben für sie liegen bei rund sechs Prozent, damit liegen wir unter dem EU-Durchschnitt", erklärte Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Kinderliga. Er forderte daher die Kassenfinanzierung von notwendigen Therapien und Heilbehelfe für betroffene Kinder sowie die Abschaffung des Selbstbehaltes. Zustimmung dafür erhielt er von Carina Spak, Leiterin von AmberMed, einer Versorgungseinrichtung für Menschen ohne Versicherungsschutz.

"Während wir anfangs vor allem Asylwerber medizinisch versorgten, ist die Zahl von versicherten Österreichern, die bei uns Hilfe suchen, massiv gestiegen. Unter anderem auch deshalb, weil sie sich den Selbstbehalt für eine Therapie oder Medikamente für ihr Kind nicht leisten können."

Datenlage zu Gesundheitsstatus verbesserungswürdig

Neben den Selbstbehalten wird im sechsten Bericht der Kindergesundheit auch die verbesserungswürdige Datenlage zum aktuellen Gesundheitsstatus der Kinder kritisiert. Nachholbedarf gäbe es auch beim Gewaltschutz der Kinder und bei der Betreuung der Elternschaft. "Mit Freude verkündet" wurde hingegen die Finanzierungseinigung zwischen den Sozialversicherungsträgern (70 Prozent) und den Ländern (30 Prozent) in Sachen Kinder-Rehabilitation. Damit die Stimme der Kinder auch in der Politik lauter würde, wünsche sich die Kinderliga außerdem eine "Parlamentarische Kinderkommission", die aus Experten und Abgeordneten bestehen soll.