Erstellt am 28. Oktober 2013, 14:30

Mehr Reue für die Gesundheit. Buch / Die Welt von heute verdrängt das Gefühl von Reue. Sie zu zeigen, sollte man aber nicht fürchten.

Von Christine Haiderer

Wenn die Dame an der Kassa zu viel Geld herausgibt, hat man zwei Möglichkeiten. Man sagt, dass es zu viel war, und gibt es zurück. Oder: Man steckt es einfach ein. Dann blitzt zwar kurz das schlechte Gewissen auf. Meist aber nicht lange.

„Das Gewissen funktioniert. Es meldet, dass etwas nicht in Ordnung war“, erläutert die Juristin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner. Doch dann gibt es da noch eine andere Stimme, gefüttert von gesellschaftlichen Vorbildern und Meinungen. Und die sagt: „Ist eh nichts dabei.“

Reue bedeutet: „Ich habe Gift in meiner Seele“

„Heute versuchen wir, Reue gar nicht aufkommen zu lassen“, erläutert Perner. Die Gesellschaft, Vorbilder und Mitmenschen leben es vor und sagen einem, selbst wenn es sie betrifft: „Es ist eh nicht so wichtig.“

Im Geschäftsleben, in der Politik … hat man nicht unanständig gehandelt, sondern sich Sachzwängen unterworfen usw., heißt es, wenn jemand ein Verhalten anprangert. Und das, obwohl diese „Sachzwänge“ in Wahrheit eigentlich keine negative Verhaltensweisen erzwingen müssten. Ähnlich gibt man dann auch bei eigenen Missgriffen einfach anderen die Schuld und redet sich ein, dass man selbst gar nichts dafür kann.

Reue aber bedeutet: „Ich habe Gift in meiner Seele, ich habe mich nicht anständig verhalten.“ Perner rät, dass man sich nicht davor fürchten soll, sich zu entschuldigen oder – wie sie es nennt – sich zu reinigen und zu sagen: „Ich habe mich daneben benommen. Ich werde versuchen, es besser zu machen.“

Lüge in jeder der sieben großen Psycho-Erkrankungen zu finden

Und: „Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht selbst belügt“, so Perner. Die Lüge übrigens – sich selbst gegenüber oder auch anderen – findet sich in jeder der sieben großen psychischen Erkrankungen. Sucht und Depression, Boderline- und Zwangsstörungen, narzisstische Störung, Missbrauch und Paranoia.

In ihrem neuen Buch „Die reuelose Gesellschaft“ sind es Gier und Trägheit, Zorn und Geiz, Hochmut, Unkeuschheit und Neid  – die Kapitel für Kapitel unter die Lupe genommen werden.
 


Buchtipp:

Rotraud A. Perner, „Die reuelose Gesellschaft“, Residenz Verlag, 200 S., 23,50 Euro, ISBN: 9783701733170