Erstellt am 07. Mai 2012, 00:00

Nicht konzentriert. VORTRAG / Im Kampf gegen ADHS helfen, so Gerhard Spitzer, dem Betroffenen Entspannung, Vertrauen und mehr Selbstwert.

Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihre Kinder unter ADHS leiden, sollten sie sich an Experten wenden, die mit Überzeugung sagen können, dass sie sich mit ADHS auskennen.  |  NOEN
x  |  NOEN

VON CHRISTINE HAIDERER
Ein Kind lässt sich schnell ablenken, kann sich nicht konzentrieren. Hat es ADHS? Immerhin scheint ADHS jetzt öfter aufzutreten, oder?

„ADHS ist nicht mehr geworden“, betont Gerhard Spitzer, Verhaltenspädagoge und Autor von „Warum zappelt Philipp?“ (Ueberreuter). Man geht davon aus, dass ein bis eineinhalb Kinder pro Klasse betroffen sind.

Ob das der Fall ist, ist nicht leicht herauszufinden. ADHS kann sich sehr unterschiedlich äußern. Aber es gibt Kernsymptome: eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, eine innere Getriebenheit und der Umstand, dass einströmende Sinnesreize nicht, wie bei anderen, nach Wichtigkeit geordnet werden.

Spitzer zufolge wäre also statt Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) der Begriff Wahrnehmungsdefizit passender. „Es ist ein Wahrnehmungsdefizit, man nimmt die Umgebung anders wahr“, so Spitzer, der am 15. Mai bei einem MINIMED-Vortrag in Wr. Neustadt zu hören ist.

Nicht immer leidet  das Kind selbst

Weitere Symptome sind schlechter Schlaf, Beinwippen etc. – und manchmal ein Leidensdruck. Manchmal, aber nicht immer. Denn es kann auch sein, dass das Kind gar nicht selbst darunter leidet, sondern seine Eltern, Lehrer usw. Immerhin: „Heute müssen Kinder viel mehr funktionieren.“

Eltern sollten statt dessen jedoch entspannter mit ihren Kindern umgehen und ihren Selbstwert steigern –   vor allem bei ADHS, weil Betroffene besonders oft ermahnt werden. „Kinder, die schwierig sind, warten darauf, dass man mit ihnen entspannter und vertrauensvoller umgeht“, ist Spitzer überzeugt. „Entspannung bedeutet: Ich vertraue dir.“

Und statt die Kinder in die Welt der Erwachsenen zu zwingen, sollten Eltern versuchen, die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen. „Wir brechen mehrmals täglich in die Spielwelt des Kindes ein.“ Etwa wenn das Essen fertig oder die Oma gekommen ist, um das Kind abzuholen. Erwachsene glauben dann, sofort reagieren zu müssen, reißen das Kind aus seinem Spiel. Besser: „Geben Sie dem Kind die Möglichkeit, das Spiel zu beenden.“ Zum Beispiel, indem man sagt: „Schön, dass du dein Raumschiff landest, dann bist du schnell wieder bei uns“ – im Idealfall lassen Kind und Erwachsene gemeinsam das Raumschiff landen. Der Vorteil: „Das Kind lernt, sich einer Sache zu Ende zu widmen.“

Ebenfalls Thema bei der Behandlung von ADHS sind Medikamente. Dazu Spitzer: „Psychostimulanz und Antidepressiva sind keine Heilmittel. Sie verdecken die Symptome.“ Eine kurzzeitige Einnahme hält er für in Ordnung, „als Abschirmung gegen den dauernden Misserfolg“, dem betroffene Kinder immer wieder ausgesetzt sind. Aber es sollte nicht die einzige Behandlungsmethode sein. Zu überlegen ist zum Beispiel Nahrungsergänzung (Omega 3 und Omega 6).

WALDHÄUSL