Erstellt am 19. Juni 2012, 07:53

Nicht unter Kontrolle. BLASENSCHWÄCHE / Rund eine Million Menschen in Österreich haben Probleme mit dem Darm oder der Blase. Grund dafür kann zum Beispiel eine überaktive Blase sein.

VON CHRISTINE HAIDERER

Es ist peinlich. Unangenehm. Ein Tabu. Selten aber ist es keineswegs. Auch, wenn keiner darüber spricht. Ganz im Gegenteil. „Rund 15 Prozent der weiblichen Bevölkerung hat ein Kontinenzproblem“, betont Engelbert Hanzal von der Uni-Klinik für Frauenheilkunde Wien.

Viele Betroffene leiden sehr darunter. In vielen Fällen kann man aber gut damit umgehen. Schon die erste Anlaufstelle – der Hausarzt – kann zum Beispiel Ratschläge rund um Kontinenzpflegeprodukte (Einlagen usw.) geben. Als nächster Schritt ist es wichtig, bedrohliche Krankheiten als Ursachen auszuschließen. Immerhin können auch Multiple Sklerose und andere Krankheiten dahinter stecken.

Am häufigsten jedoch sind Stressinkontinenz, die überaktive Blase oder eine Mischform aus beiden der Grund.
Bei Stressinkontinenz, „eine Schwäche der Harnröhre“, schließt diese nicht gut. Wenn die Blase voll ist, kann ein Niesen oder Husten reichen, es wird zu viel. Und man verliert Harn.

Bei Harn-, Stuhlinkontinenz & Beckenbodenbeschwerden

Dagegen kann man aber etwas tun: „Beckenbodentraining – das muss die erste Behandlung sein“, rät der 2. Vorsitzende der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich. Der aufrechte Gang des Menschen belastet den Beckenboden. Beckenbodentraining hilft, die Muskulatur, die nach unten abschließt, zu stärken. „Je kräftiger die Muskulatur ist, desto geringer ist die Gefahr.“

Nur wenn das Training nichts hilft, sollte man über andere Schritte nachdenken. Zum Beispiel gibt es ein Medikament. Das aber wird nicht von den Krankenkassen übernommen. Und dann gibt es auch noch die synthetische Schlingenoperation. Dabei wird ein Kunststoffband um die Harnröhre geschlungen. Man hustet oder niest. Und: „Durch die Druckbelastung knickt die Harnröhre kurzfristig ab.“ Wie bei einem Gartenschlauch kommt keine Flüssigkeit mehr durch. Doch nicht vergessen: Es ist eine Operation, und damit sind auch hier Komplikationen möglich.

Eine weitere häufige Form der Blasenschwäche ist die überaktive Blase (Dranginkontinenz). Hier ist nicht die Harnröhre das Problem, sondern der Blasenmuskel. Dieser zieht sich zusammen, wenn Harn entleert wird. In der Speicherphase sollte er locker sein. Bei einer überaktiven Blase jedoch ist die Steuerung (die Anweisungen des Gehirns an die Blase) gestört. Und Betroffene verlieren nicht nur am Klo Harn. Ein ständiger Harndrang ist möglich.

Auch hier ist Beckenbodentraining der erste Wahl bei der Behandlung. Darüber hinaus gibt es Medikamente, die den Blasenmuskel entspannen können. Der Harndrang wird leichter. Die Patienten müssen weniger häufig aufs Klo laufen.
Ebenfalls häufig ist die Mischinkontinenz, ein Mix aus Stressinkontinenz und überaktiver Blase. Und auch hier sollte man es zunächst mit Beckenbodentraining versuchen, bevor an eine Kombi aus verschiedenen Behandlungsformen gedacht wird.

MEHR INFOS
Die Welt-Kontinenz-Woche (18. bis 24. Juni) will das Tabu punkto Blasenschwäche aufbrechen.
Termin: 20. Juni, Wien: „Harn- und Stuhlinkontinenz“ (11 bis 14 Uhr, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern). Vorträge und kostenlose Beratung. Eintritt frei.
Mehr über Hygienemittel, Expertensuche, Behandlungen, Anbieter von Beckenbodentraining usw.:
www.kontinenzgesellschaft.at