Erstellt am 12. Dezember 2011, 00:00

Opfer schämen sich. VON STEFANIE PROCHASKA

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VON STEFANIE PROCHASKA

E. hat Angst. Ihr Mann kommt bald vom Abend mit Freunden nach Hause. Seit Jahren schlägt er sie. Und wenn er getrunken hat, umso brutaler. Schnell bringt sie die Kinder ins Bett, damit sie von seinen Ausrastern nichts mitbekommen. Sie hört, wie sich der Schlüssel in der Haustür dreht, es geht los. Er beschimpft und bedroht sie und schlägt schließlich zu. Immer wieder. Ihn verlassen? Das hat sich E. schon oft überlegt. Aber das geht nicht, denn sie leben in einer kleinen Gemeinde und ihr Mann ist ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft.

Größte Schwelle:  Opfer schämen sich

Sie ist finanziell abhängig. Und so schlimm ist es ja gar nicht. „Wir haben auch gute Phasen“, sagt sie. Doch die sind in den letzten Monaten nur von kurzer Dauer. Ein paar Freunde wissen von der Gewalt in ihrer Partnerschaft, sagen aber, sie müsse das schon aushalten, denn sie sei sicher auch nicht ganz unschuldig an der Situation. E. schämt sich.

„Genau hier ist das NÖ Frauentelefon ein unverzichtbares Angebot, das Anonymität sichert. Für viele Frauen ist die Hemmschwelle, in eine Beratungsstelle zu gehen, zu hoch“, weiß Frauenlandesrätin Barbara Schwarz. Durch die Beratung am Telefon möchte man betroffenen Frauen Mut machen, anonyme und unbürokratische Hilfe in ihrer Krisensituation in Anspruch zu nehmen.

Psychologinnen helfen  jeden Tag weiter

„Mit dem NÖ Frauentelefon haben wir eine Beratungslücke in unseren Bemühungen geschlossen, Frauen dabei zu helfen, der Gewaltspirale zu entkommen. Niemand muss heute in Niederösterreich mit Gewalt alleine fertig werden“, so der Appell der Frauenlandesrätin.

„Das größte Problem, dass Gewalt oft nicht gemeldet wird, liegt an einem entscheidenden Punkt: Weil sich die Opfer schämen“, schlägt Barbara Wegscheider, Leiterin des Hilfswerks in St. Pölten und des NÖ Frauentelefons, in die gleiche Kerbe. Tagtäglich telefonieren ausgebildete Psychologinnen und Psychotherapeutinnen mit Frauen in schwierigen Lebenssituationen, versuchen zu helfen, zu beraten und zuzuhören.

„Beim NÖ Frauentelefon kann frau in jeder Lebenskrise anrufen. Scheidung, Trennung, Gewalt, finanzielle Probleme, Erziehung, psychische Probleme sowie Probleme am Arbeitsplatz“, sagt Wegscheider. Auch rechtliche Fragen werden beim NÖ Frauentelefon von einer Juristin kostenlos beantwortet.

Sich als Opfer zu sehen,  ist der schwierigste Schritt

„Zusätzlich dazu empfinden viele Opfer Schuld, suchen den Fehler bei sich, wenn der Partner psychische oder physische Gewalt anwendet“, so die Psychologin. „Anfangs entschuldigen sich die Männer auch noch.“

Beim NÖ Frauentelefon wird man kostenlos, vertraulich und anonym beraten. Man kann täglich zwischen 10 und 14 Uhr anrufen. Die Juristin ist dienstags von 10 bis 12 Uhr erreichbar, persönliche Beratung nach Terminvereinbarung. Ab 1. Januar gibt es jeden Donnerstag von 14 bis 16 Uhr auch Beratung in türkischer Sprache.