Erstellt am 30. Juni 2015, 13:19

Start für "Gratis-Zahnspange" in Österreich. Als große Sachleistungsausweitung in der medizinischen Versorgung via Krankenkassen startet am Mittwoch die frühkindliche kieferorthopädische Behandlung und die Behandlung von Kindern mit schweren Zahn-Fehlstellungen mit "Gratis-Zahnspangen".

 |  NOEN, APA

Die Verantwortlichen - Sozialversicherungs- und Zahnärztevertreter - sprachen am Dienstag in Wien von einer großen Fortschritt. "Im Zahnbereich ist in der Vergangenheit sehr wenig geschaffen worden. Es geht um 80 Millionen Euro zur Einführung dieser neuen Leistungen. Das ist eine Errungenschaft", sagte Albert Maringer, Obmann der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK), bei einem Hintergrundgespräch.

Der vom damaligen Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) vor den vergangenen Nationalratswahlen publik gemachte Plan, Kindern und Jugendlichen mit schweren und schwersten kieferorthopädischen Fehlentwicklungen bzw. Zahn-Fehlstellungen die entsprechende Versorgung bei Kieferorthopäden zur Verfügung zu stellen, wurde binnen kurzer Zeit realisiert. Er basiert auf einem Vertrag zwischen Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Zahnärztekammer.

Zwei neue Leistungspakete

Im Grunde geht es um zwei neue Leistungspakete, wie der stellvertretende Generaldirektor des Hauptverbandes, Bernhard Wurzer, darstellte: Erstens um eine kieferorthopädische Behandlung von Kindern (ab dem 6. Lebensjahr), bei denen schwere Fehlstellung bzw. eine deutlich abnorme Kieferentwicklung vorliegen, die später zu Folgeproblemen führen. Bei Vorliegen der im Vertrag vorgesehenen medizinischen Indikationen ist das ohne vorherige Bewilligung durch die Krankenkasse bei Vertragszahnärzten bzw. bei Vertragskieferorthopäden möglich.

Das zweite Paket ist die Bezahlung festsitzender Zahnspangen (Metall-Brackets mit Gummizügen) in der Altersgruppe der Zwölf- bis 18-Jährigen im Falle schwerer und schwerster Zahn-Fehlstellungen.

Zahnfehlstellungen in fünf Stufen eingeteilt

Bei den kleinen Kindern wird im Rahmen der Therapie mit abnehmbaren Zahnspangen (interzeptive Zahnspangen) versucht, die Entwicklung des Kiefers wieder in die richtige Bahn zu lenken. "Die festsitzende Zahnspange wird bei den Zwölf- bis 18-Jährigen bezahlt, wenn schwerwiegende Fehlstellungen vom sogenannten IOTN-Grad 4 und 5 vorliegen", sagte die Wiener Kieferorthopädin Eva-Maria Höller.

Die internationale Skala teilt Zahnfehlstellungen in fünf Stufen ein. Für die Versorgung werden in ganz Österreich 180 Kieferorthopäden unter Vertrag genommen. Bei ihnen ist keine Bewilligung durch die Krankenkasse notwendig. Etwa 150 Verträge sind schon unterzeichnet. Der Rest wird wohl bald folgen. Es gibt keine "Weißen Flecken", betonte Thomas Horejs von der Zahnärztekammer. Die Vertragsärzte müssen eine zumindest 70-prozentige Erfolgsquote aufweisen, zumeist liegt sie noch deutlich darüber.

Zwei Reparaturen der Zahnspanne werden bezahlt

Bezahlt werden auch die Diagnose beim Zahnarzt bzw. Kieferchirurgen, ebenso zunächst einmal zwei Reparaturen bei der Gratis-Zahnspange. 50 bis 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen benötigen laut Schätzungen eine kieferorthopädische Behandlung. Man schätzt, dass in Zukunft pro Jahr rund 22.500 Kinder und Jugendliche in dem neuen Programm kostenlos versorgt werden. Genau lässt sich das nicht abschätzen, weil Kinder aus sozial benachteiligten Familien wahrscheinlich in der Vergangenheit gar nicht zum Kieferorthopäden kamen. Die alten Zuzahlungsregelungen der Krankenkassen bei den leichteren Fällen von Zahnfehlstellungen bleiben erhalten.

Die soziale Bedeutung der neuen "Kassenleistungen" - es gibt dafür Steuergeld - ist auf jeden Fall groß. Die Behandlung mit festsitzenden Zahnspangen kostet pro Fall oft um die 5.000 Euro. Die Belastung von Familien, speziell wenn die Problematik mehrere Kinder betrifft - war groß. Auf den Internet-Homepages der sozialen Krankenkassen wird es alle notwendigen Informationen geben.