Erstellt am 27. August 2012, 00:00

Verrückt werden. ANDREAS NAGLER, Psychotherapeut aus Mistelbach, über vorsichtiges Nachdenken übers Verrücktwerden.

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Wenn man manche Leute reden hört, denkt man sich: Die sind ja verrückt! Wenn man aber genauer überlegt, so haben sie oft nur einen anderen Standpunkt vertreten als man selbst – von Verrücktsein keine Spur! So schnell spricht man Leuten, die anders denken, den Verstand ab.

Umgekehrt kann einem das auch selber passieren: Auf einmal steht man selbst als Auffälliger, als aus dem Rahmen Gefallener, als Spinner da.

Wenn man zum Beispiel die Kühlerhauben mancher Autos genauer betrachtet, entdeckt man manchmal Hammer und Pickel oder auch Hufeisen. Sie werden als Glückssymbole betrachtet und sollen Unheil, hier wahrscheinlich Unfälle, abwenden. Klar ist, dass es sich um keine Airbags oder besondere Bremssysteme handelt, sondern um Symbole, die rein technisch überhaupt keine schützende Wirkung haben. Trotzdem werden sie oft an Autos angebracht: Ist das nur ein Hinweis auf magisches Denken oder schon der Anfang zur Verrücktheit?

Bei manchen Sportveranstaltungen geht es oft ganz schön zu: Die Leute fiebern mit; sie schreien, jubeln und weinen, als ob es um sie selbst ginge – obwohl sie doch nur Zuschauer sind. Sie scheinen sich den Sportlern sehr nahe zu fühlen; sie erleben den Sieg und das Scheitern hautnah mit, obwohl sie Hunderte Meter - oder bei Fernsehübertragungen auch Tausende Kilometer – von den eigentlichen Akteuren entfernt sind. Ziemlich verrückt, nicht wahr?

Jedenfalls ist, wenn man genau hinschaut, eigenartiges Verhalten in unserer Gesellschaft relativ häufig. Und wenn man sehr genau hinschaut, sieht man, dass man oft auch selbst davon betroffen ist. Auf jeden Fall kann man seinen eigenen gesunden Menschenverstand nicht nur dadurch beweisen, dass man seinen Nachbarn einsperrt.