Erstellt am 26. April 2011, 08:33

Vollbad mit Zucker. STEVIA / Die tropische Wunderpflanze aus Paraguay könnte bereits ab Ende des Jahres 2011 den EU-Zuckermarkt in Bewegung bringen.

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VON CHRISTIAN BAYR

Kuchen mit Badezusatz? Lieber nicht. Außer der Badezusatz wird aus der Stevia-Pflanze gewonnen und enthält einen Wirkstoff, der in seiner reinsten Form 300 Mal süßer ist als normaler Zucker.
Eigentlich verdient Franz Reisenberger vom gleichnamigen Handelshaus in Perchtoldsdorf sein Geld mit Futtermittel-Zusatzstoffen und Rohstoffen für die Nahrungsmittelindustrie. Vor fünf Jahren stieß er durch Zufall auf Stevia: Seitdem bietet er unter dem Markennamen Eubiotica Produkte aus der tropischen Wunderpflanze an – als Kosmetika. Reisenberger: „Leider hat die EU Stevia-Produkte als Nahrungsmittel noch nicht genehmigt. Deswegen deklarieren wir unsere Stevia-Produkte ganz legal als Bademittelzusätze.“

Der natürliche Süßstoff aus den Blättern der knapp ein Meter hohen, krautigen Pflanze, die auch als Süßkraut oder Honigkraut bekannt ist, ist in Übersee bereits seit langem als Süßungsmittel im Einsatz: In Japan etwa machen Stevia-Produkte schon 40 Prozent des Zuckerersatzstoffmarktes aus. In Südamerika wird Stevia auch als Arznei eingesetzt und soll gegen Übergewicht, Herzschwäche, Bluthochdruck und Sodbrennen helfen.
Bei entsprechender Züchtung auch bei uns überlebensfähig Die ursprünglich tropische Stevia ist frostempfindlich, bei entsprechender Züchtung wäre sie aber, so Reisenberger, durchaus auch bei uns überlebensfähig, dort, wo Kukuruz und Wein gedeihen.

Bald wird in Kroatien mit einer Auspflanzung begonnen, theoretisch könnte sie fast überall in Südeuropa wachsen.
Reisenberger plant gerade eine erste Versuchsanlage in Niederösterreich, die in zwei, drei Jahren Stevia-Produkte herstellen könnte. Und er arbeitet mit dem Lebensmitteltechnologie-Zen-trum in Wieselburg an einer Backmischung auf Basis von Steviol-Glycoiden: „Nachteil ist ein Lakritze-Beigeschmack, der aber durch eine passende Wirkstoffkombination verschwindet.“
Ebenfalls in Wieselburg, an der Fachhochschule für Produktmarketing, läuft ein Projekt namens Mind-Box, bei dem sieben Studenten im Auftrag der Agrana an einer Marketingstrategie für Stevia-Produkte tüfteln.

Sprecherin Alexandra Strondl: „Wegen der Verarbeitungsmethode darf man nicht mit dem Wort ,natürlich‘ operieren, vorstellbar wären daher Begriffe wie ,ursprüngliche Süße‘.“
Bei der Agrana ist man jedenfalls für eine Stevia-Freigabe in der EU mit Ende 2011 gerüstet. Bei Fruchtsaftkonzentraten, aber auch bei Joghurt könnte Stevia ein Thema sein, überall dort, wo es um Kalorien-Reduzierung geht. Trotz eines möglichen weltweiten Milliardengeschäftes mit Stevia gibt sich Josef Pinkl, Sprecher der niederösterreichischen Rübenbauern, gelassen: „Wir sehen das als Nischenprodukt im Getränkebereich, bei Wellness-Drinks. Gerade beim Backen, wo Zucker ja ein wichtiger Bestandteil auch der Masse ist, macht ein Ersatz nur wenig Sinn.“
 www.eubiotica.at,www.mind-box.at