Erstellt am 03. Oktober 2011, 00:00

„Wir wollen die E-Medikation“. IM GESPRÄCH / Im Gegensatz zu Ärzten sind die Apotheker von der E-Medikation, die zurzeit im Probebetrieb läuft, überzeugt.

Christian Müller-Uri ist Konzessionär der Landschaftsapotheke in Schwechat und designierter Landesgruppenobmann des NÖ Apothekerverbandes.  |  NOEN, FOTOS: MARSCHIK
VON M. GEBHART UND C. HAIDERER

NÖN: Bei der E-Medikation können Arzt, Krankenhaus und Apotheker alle Medikamente eines Patienten einsehen, um Wechselwirkungen zu verhindern. Der Probebetrieb läuft aber nur eingeschränkt mit viel Kritik von Ärzten.
Christian Müller-Uri: Ich bin traurig darüber, dass ein Projekt, das derart viel Nutzen für den Patienten bringen kann, in einer Art und Weise verändert wird, dass letztendlich nichts mehr übrig bleibt, das etwas bringt.
Werner Luks: Die E-Medikation ist ein Muss. Wenn die Ärzte nicht mittun, dann machen wir es alleine – ohne die Ärzte.

NÖN: Bei der E-Medikation geht es ja nicht nur um rezeptpflichtige Arzneimittel, Wechselwirkungen sind auch mit nichtrezeptpflichtigen möglich.
Müller-Uri: Stimmt. Von 12.000 Medikamenten ist etwa die Hälfte, also 6000, frei erhältlich.

NÖN: Wieso ist Ihnen die E-Medikation ein so großes Anliegen?
Müller-Uri: Das Arzneimittel ist unser Thema. Wir sind dazu da, dass wir den Menschen das Arzneimittel nicht nur aushändigen, sondern sie auch beraten, welchen Sinn es macht, es zu nehmen, wann es notwendig ist und in welcher Kombination.
Luks: Der Arzt ist für Diagnose und Therapie da. Er stellt fest, woran der Patient leidet, und was er braucht. Aber wie man das anwendet, das kann die Apothekerin beziehungsweise der Apotheker. Sie haben es sechs Jahre lang studiert.

NÖN: Deswegen die strikte Trennung von Arzt und Apotheker?
Müller-Uri: Es gibt nun einmal getrennte Zuständigkeitsbereiche. Derjenige, der feststellt, wie ich eine Krankheit behandeln soll, sollte nicht gleichzeitig am Produkt, das dafür nötig ist, verdienen, dann funktioniert das System – im Übrigen nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Das ist der Grund, warum Arzt und Apotheker getrennt sind. In Österreich haben wir aber für besondere Fälle ohnehin eine Kombination: die Hausapotheken führenden Ärzte.

NÖN: Diesbezüglich gibt es immer wieder Konflikte. Bis hin zur Frage, ob letztlich die Patienten auf der Strecke bleiben.
Müller-Uri: Wenn in einem Ort der Arzt die Hausapotheke verliert, dann tut er das, weil eine Apotheke aufsperrt und – was die Arzneimittel angeht – die Bürger versorgt. Es kann auch ein Zustelldienst eingerichtet werden.

NÖN: Seit Anfang des Jahres gibt es den Apothekenruf 1455. Was war das Ziel Ihrer Idee?
Müller-Uri: Damit jeder Kunde oder Patient von einer freundlichen Stimme erfährt, wo die nächstgelegene offene Apotheke ist und – untertags von der Wissenschaftsabteilung der Apothekerkammer – auch Auskunft zu Arzneimitteln erhält. Blinde können sich etwa Beipacktexte vorlesen lassen. Mittlerweile rufen im Monat circa 4000 Leute an.

NÖN: Ist es vorstellbar, dass jemals Apotheker aus NÖ online Medikamente verkaufen?
Müller-Uri: Nein. Wir werden nicht versenden. Wenn ein Patient in Vorarlberg ein Medikament braucht, hat er eine Apotheke in seiner Nähe. Warum sollte ich ein Medikament nach Vorarlberg schicken?
Luks: Wer übers Internet bestellt, erhält keine Infos dazu. Anders als in der Apotheke, wo man erfährt, wie ein Medikament wirkt, welche Nebenwirkungen es hat.
Müller-Uri: Aber was wir machen werden, ist: das Internet als Auslage zu benutzen … Wir haben sehr viele Schubladen. Was da drinnen liegt, sehen die Kunden nicht. Man sollte der Bevölkerung zeigen, welche Leistungen wir bieten oder welche Arzneimittel wir haben.

NÖN: Was wird sich in Zukunft in Sachen Medikamente noch ändern bzw. ändern müssen?
Müller-Uri: Wir sind ein Arzneimittelpreis-Billigland. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in der EU stehen wir mit unseren Arzneimittelpreisen sehr tief.
Luks: Das führt zu so verrückten Situationen, dass zum Beispiel ein Land wie Polen Arzneimittel bei uns aufkauft, weil es billiger ist als in Polen. Doch das Arzneimittel fehlt ann bei uns.
Müller-Uri: In verschiedenen Ländern wird vielleicht genauso viel verdient, aber was die Staaten sich davon nehmen, ist unterschiedlich. Der Steuersatz in Österreich wurde von 20 auf 10 Prozent reduziert. Wir haben nichts davon. Aber die Bevölkerung hat etwas davon. Der, der die Steuer zu bezahlen hat, der Endverbraucher, bekommt sein Arzneimittel in Österreich billiger als etwa in Deutschland. Weil dort liegt der Steuersatz auf Arzneimittel immer noch bei 19 Prozent. Nachdem man eine Währungsunion geschaffen hat, müsste der nächste Schritt getan werden: die Steuerharmonisierung. Wenn wir diese nicht schaffen, zerfällt Europa aus meiner Sicht.


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