Erstellt am 06. Juni 2011, 07:50

Zahnärzte vor Ort. INTERVIEW / Hannes Gruber, Präsident der NÖ Zahnärztekammer, über das Zahnbewusstsein der Niederösterreicher, die Probleme des Zahnärzte-Berufes und den Wochenend-Notdienst.

Hannes Gruber, Präsident der NÖ Zahnärztekammer, über Projekte, die Zahnarztausbildung, den Zahntourismus und den Notdienst. NÖN  |  NOEN
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VON MARTIN GEBHART

UND CHRISTINE HAIDERER

NÖN: Wie sehr kümmern sich die Niederösterreicher um ihre Zähne?

Hannes Gruber: Ich glaube, dass sich das Zahnbewusstsein in den letzten 15 Jahren deutlich verbessert hat. Die Leute schauen mehr darauf, dass die Zähne in Ordnung sind. Mit Projekten wie „Land des Lächelns“ wollen wir das Bewusstsein weiter stärken. Bei allen Patienten, von den Kindern bis ins Alter, damit sie ihren Zahnarzt dezentral am Land besuchen und Vorsorge betreiben.

NÖN: Kinder sind schon länger eine Zielgruppe von Projekten, oder?

Gruber: Bei Apollonia 2020, unserem Vorzeigeprojekt in NÖ, untersuchen wir mittlerweile 100 Prozent aller Kindergartenkinder und 85 Prozent der Volksschüler. Bei der Karieshäufigkeit ist eine deutliche Abnahme zu sehen. Ziel der Weltgesundheitsorganisation ist, dass 2020 80 Prozent der Sechsjährigen kariesfrei sind. Jetzt sind wir bei 64 Prozent.

NÖN: Bei praktischen Ärzten befürchtet man einen Ärztemangel am Land. Wie ist das bei den Zahnärzten?

Gruber: Noch nicht so ausgeprägt wie beim Praktiker. Es gibt keine freie Kassenplanstelle in NÖ. Darüber hinaus haben wir noch etwa 120 Wahlzahnärzte. Mit diesen knapp 700 Zahnärzten ist NÖ sehr gut versorgt. Ein Zahnarzt kommt auf 2000 Patienten – das ist international ein sehr guter Schnitt.

NÖN: Und der Nachwuchs?

Gruber: Früher studierte man Humanmedizin und machte den Facharzt. Die Ausbildung hat sich aber verändert. Jetzt muss ich schon bei der Inskription wissen, dass ich Zahnarzt werden will. Mit 18 weiß das noch nicht jeder. Außerdem: Obwohl es ein eigenes Zahnmedizinstudium ist, ist die Anfangsphase die gleiche wie bei Humanmedizin. Nur wenige wollen sich auf dem Weg zum zahnärztlichen Lehrgang durch diese Phase durchkämpfen. Deswegen glaube ich, dass wir einen Engpass kriegen.

NÖN: Apropos Ausbildung, wie steht die NÖ Zahnärztekammer zur privaten Zahnuni in Krems?

Gruber: Die Zahnärztekammer ist nicht grundsätzlich gegen eine private Ausbildung. Aber: Wir sind für eine gute Qualität. Und damals hatten wir die Sorge, dass diese nicht gegeben ist. Wir achten darauf, dass das nachgebessert wird. Ein großes Manko: Krems hat 25.000 Einwohner, im Endstadium sollen 600 Kollegen dort ausgebildet werden. Das kann nicht gehen, dass jeder genügend Patienten für die praktische Ausbildung hat. In Wien bildet man pro Jahr 70 Zahnärzte aus, selbst dort kämpft man um genug Patienten.

NÖN: Ist der Zahntourismus ein Problem?

Gruber: Ich glaube, dass der Österreicher sich bewusst in Österreich die Zähne anschauen lässt. Natürlich kämpfen wir immer wieder mit dem Zahntourismus, weil es ein bisschen billiger ist. Aber zur Nachsorge und Vorsorge brauche ich wieder einen Zahnarzt vor Ort.

NÖN: Seit 2009 machen acht anstatt 15 Zahnärzte Notdienst. Funktioniert das?

Gruber: Es ist ein Pilotprojekt, wir sind in einer Lernphase. Wir hatten vor 2009 nur von 8.30 bis 11.30 Uhr Notdienst am Wochenende und am Feiertag. Wir haben auf 9 bis 14 Uhr erweitert. Dann hatten wir das Problem, dass die Kollegen nicht über ganz NÖ optimal verteilt waren, an Bezirksgrenzen zwei Ärzte nur einen Kilometer auseinander Dienst hatten. Daher wollten wir die Zahnärzte so positionieren, dass sie besser verteilt sind. Wir konnten bei diesem Projekt mit der NÖ Gebietskrankenkasse nicht auf 14 Uhr erweitern und gleichzeitig bei 15 Kollegen bleiben. Es wäre mein Wunsch gewesen, aber das geht finanziell nicht. Wir haben bei gleichbleibenden finanziellen Mitteln ein System geschaffen, das eine deutliche Verbesserung ist: Die Wege sind überall gleich weit, bis 14 Uhr ist jemand erreichbar. Es ist eine relativ hohe Zufriedenheit – mit kleinen Ausreißern natürlich.

NÖN: Wo gibt es diese?

Gruber: Schwachstellen haben wir im Waldviertel. Ich gebe zu, dass wir dort etwas unterbesetzt waren. Wir wollen die Zahl von acht auf zehn erhöhen und gerade im Waldviertel mehr Kollegen positionieren. Ich glaube trotzdem, dass es in Ordnung ist, wenn man innerhalb von einer halben bis Dreiviertelstunde einen diensthabenden Zahnarzt findet.

NÖN: Ihr persönlicher Tipp?

Gruber: Egal ob der Patient mit elektrischer, mit Ultraschallzahnbürste oder mit der Hand putzt – wichtig ist, dass er putzt. Wenn er das zwei Mal macht – speziell am Abend! –, dann halten die Zähne am längsten. Und: Jedes halbe Jahr zur Kontrolle! Bei guter Mundhygiene auch nur einmal im Jahr – da bin ich nicht so streng.