Erstellt am 22. April 2013, 12:36

Die Zukunft ist erneuerbar. Rainer Hinrichs-Rahlwes ist Präsident von EREC (European Renewable Energy Council) und EREF (European Renewable Energies Federation) und Vorstandsmitglied des BEE ([deutscher] Bundesverband Erneuerbare Energie). Die NÖN sprach mit ihm über die Zukunft der erneuerbaren Energien, über die Vorteile und von Gegnern genannte Nachteile der Erneuerbaren und über die Atomenergie.

Rainer Hinrichs-Rahlwes ist auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien ein Experte ersten Ranges.  |  NOEN, zVg
NÖN: Herr Hinrichs-Rahlwes, Sie als Experte der erneuerbaren Energien haben täglich mit dem Thema Energiewende zu tun. Was bedeutet Energiewende eigentlich genau?
Hinrichs-Rahlwes: Raus aus Atom, rein in die Erneuerbaren – diese Definition hat sich eingebürgert. Gerade in Deutschland, wo der Begriff geprägt wurde, heißt das in klar definierter Zeit vollständig aus der Atomenergie auszusteigen und auf erneuerbare Energie zu setzen. Ich denke auch, dass sich dahinter die Erkenntnis verbirgt, dass ein Umstieg auf Erneuerbare ein hohes Maß an nachhaltiger und sicherer Energieversorgung bedeutet, Unabhängigkeit von teueren Importen, Sicherung gegen schwankende fossile Rohstoffpreise, ökonomische Vorteile durch innovative Technologieführerschaft, Hunderttausende und perspektivisch Millionen neuer zukunftsfähiger Jobs. Die Menschen sehen diese Vorteile, und deshalb unterstützen die meisten die Erneuerbaren als zukunftsfähige Energieträger.

Ist man in Europa in Sachen erneuerbare Energie auf einem guten Weg?
Zunächst einmal: Ja. In der Europäischen Union gibt es gute Chancen, das Ausbauziel von 20 % des Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien im Jahr 2020 zu erreichen. Österreich ist in diesem Bereich schon relativ weit und hat mit mehr als 30 % in 2010 das Ziel von 34 % Erneuerbaren in 2020 schon fast erreicht, wie aus einem Zwischenbericht der Europäischen Kommission vom 27. März hervorgeht. Schweden hat sein – vielleicht ja nicht so anspruchsvolles – Ziel sogar schon erreicht. In Deutschland besteht für den Strombereich mit dem Erneuerbaren Energie Gesetz (EEG) ein ausgezeichnetes und effektives Instrument. Und der Beschluss zum Atomausstieg hat die Möglichkeiten eigentlich sogar verbessert. Dennoch gibt es zurzeit seitens der Regierung eine problematische Diskussion um Kosten und über Änderung oder gar Abschaffen des EEG. Ich bin aber optimistisch, dass sich diese destruktiven Positionen nicht auf Dauer durchsetzen werden.

Welche Argumente gibt es gegen die regenerativen Energien?
Das Hauptargument der Gegner (oder selbst nennen sie sich lieber Skeptiker) der erneuerbaren Energien ist zurzeit vor allem, dass Erneuerbare den Strom verteuern. Dabei werden die jahrzehntelangen Subventionen für Atom und Kohle gerne vergessen, und auch heute noch werden in der EU Fossile und Atomenergie um ein Vielfaches stärker subventioniert als Erneuerbare. Neue Technologien sind natürlich am Anfang teurer.
Um aber durch Markteinführung und Massenproduktion entstehende Kosten zu senken und um Marktversagen auszugleichen, gibt es Fördersysteme. Da Erneuerbare in den letzten Jahren deutlich preisgünstiger geworden sind, steile Lernkurven die Kosten und Preise gesenkt haben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann der durchschnittliche Mix der Erneuerbaren kostengünstiger ist als der fossile Mix, ganz zu schweigen von Atomenergie.

Schon heute sind Windenergie am Land an guten Standorten, Wasserkraft, einige Bioenergien nicht teurer als neue Gaskraftwerke. Wenn Umwelt-, Gesundheits- und Klimaschäden und das atomare Risiko sich im Preis niederschlagen würden, hätten die meisten Erneuerbaren schon heute keinen Vergleich zu fürchten. Und die Kostenkurve bei den Erneuerbaren geht eindeutig nach unten. Wind- und Solaranlagen-Betreiber müssen gegen alle möglichen Schäden Versicherungen nachweisen. Bei Atomkraftwerken wird der größte Teil dieser Kosten aus Steuergeldern finanziert.
Weiters ist zu bedenken, dass der Energiemarkt gestört ist, oft eher ein Monopol oder Oligopol als ein Markt ist, weil alteingesessene Energieversorger diesen dominierenden Einfluss haben und somit die Preise und Marktzugang bestimmen können. Hier ist es dringend notwendig, dass die schon beschlossenen Binnenmarktrichtlinien, die hier Entflechtung schaffen sollen, vollständig und ambitioniert umgesetzt werden.

"Erneuerbaren können 100-prozentige Versorgung garantieren"


Und wie stehen Sie zu dem Argument der Gegner, dass die erneuerbaren Energien, in diesem Fall Wind und Sonne, fluktuierend sind?
Die Sonne scheint natürlich nicht immer, und es weht nicht immer Wind. Aber es ist auch zu sehen, dass es da ein Wechselspiel gibt. Bei wenig Wind gibt es viel Sonne und umgekehrt. Und durch intelligente Netzsteuerung mit Smart Grids, mit nachfrageregulierenden Preisen, durch Ertüchtigung der Infrastruktur, durch einen klugen Mix an zentraler und dezentraler Energieerzeugung, aber auch durch zentrale Pumpspeicher oder dezentrale Druckluftspeicher, oder auch Batterien, wo diese verfügbar sind, kann viel ausgeglichen werden. Nicht zu vergessen, dass Wasserkraft, Biomasse und auch Erdwärme weitgehend bedarfsgerecht steuerbar sind. Ich bin vor diesem Hintergrund der Überzeugung, dass mit einem Mix aus einer großflächigen Vernetzung, Flexibilität in Angebot und Nachfrage und Speichern die Erneuerbaren eine 100-prozentige Versorgung garantieren können. Die Zukunft ist erneuerbar.

Sind die fossilen Stoffe irgendwann zur Gänze ersetzbar?
Im Energiesektor ganz sicher. Technisch gesehen wäre Europa sicherlich schon bis 2030/40 zu 100 Prozent mit Erneuerbaren zu versorgen. Was an der Realisierung fehlt, ist weniger die Technologie als der eindeutige politische Wille und der entsprechende Rahmen. Aber z. B. bis 2050 sieht auch die EU-Kommission bei allen untersuchten Dekarbonisierungsszenarien einen dominierenden Anteil Erneuerbarer. Geht es über den Energiesektor hinaus – zum Beispiel die Erzeugung von Öl ohne Plastik – sehe ich einen längeren Zeithorizont. In diesem Bereich kann und muss man noch viel machen, und es wird auch viel geforscht und angewendet, doch ob und wann wir dort ganz ohne Öl auskommen, mag ich nicht vorhersagen.

Wie schaut es mit der Atomenergie aus?
Diese ist am absteigenden Ast, definitiv. Die angebliche Renaissance gibt es nicht. Beispiele aus Finnland, wo die Kosten und die Bauzeit für einen neuen Reaktor sich immer weiter vervielfachen, oder Großbritannien, wo daran gedacht wird, Atomkraftwerke über 40 Jahre in einer Höhe zu subventionieren, von der Windanlagenbetreiber nicht einmal träumen würden, zeigen, dass – jedenfalls da, wo Kosten und Konsens der Bevölkerung tatsächlich eine Rolle spielen – Atomkraftwerke nicht darstellbar sind. Außerhalb Europas werden einige neue Kraftwerke gebaut, aber deutlich weniger, als die Gesundbeter der Atomindustrie glauben machen wollen. Die Atomkraft hat keine Zukunft, auch wenn einige Länder – auch in Europa – sehr bemüht sind, das zu ändern. Und leider haben sie auch nach der Katastrophe von Fukushima dabei immer noch politische Unterstützung in der EU.

Wie wirken sich politische Unsicherheiten auf die erneuerbaren Energien aus?
Sie bringen Unruhe unter die Investoren. Das hat zur Folge, dass die Erneuerbaren langsamer wachsen, als es möglich und sinnvoll wäre für eine nachhaltige und saubere Energiezukunft. Sie spüren einen gewissen Gegenwind in einigen Mitgliedsstaaten der EU, wo unter dem Vorwand knapper Finanzen und unter Verweis auf – zum Teil auch reale – Überförderung, die Brechstange an Einspeisegesetze und andere stabile Vergütungsregelungen angelegt wird. Die Regierungen der Mitgliedsstaaten der EU dürfen jetzt nicht durch Kürzungen, schon gar nicht rückwirkende, die Zukunftsfähigkeit Europas gefährden und die Klimaschutzziele damit unmöglich machen. Anderswo, zum Beispiel in China, Indien, aber auch Brasilien, wird bei Wind und Solar derzeit richtig losgelegt. Wenn Europa nicht aufpasst, ziehen diese Länder an uns vorbei, und Europa verschenkt seinen Technologievorsprung und verschläft die eigene Zukunft.

* Die 20-20-20-Ziele: 2008 hat sich die Europäische Union auf ein Richtlinien- und Zielpaket für Klimaschutz und Energie geeinigt, welches Zielvorgaben bis 2020 enthält. Demnach gelten folgende Vorgaben: 20 % weniger Treibhausgasemissionen als 2005, 20 % Anteil an erneuerbaren Energien, 20 % mehr Energieeffizienz.

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