Erstellt am 25. Juni 2014, 13:47

Haushalte sollen Strom im Ausland kaufen können. Auch die kleinen Privatkunden in der EU sollten bei Strom künftig von grenzüberschreitendem Wettbewerb profitieren und sich über Landesgrenzen hinweg unproblematisch ihren Lieferanten wählen können.

Das wünscht sich Energie-Control-Vorstand Walter Boltz, und er möchte, dass die neue EU-Kommission das aufgreift. Derzeit funktioniere dies nur bei Großverbrauchern, nicht aber bei Haushaltskunden.

Die österreichischen Stromkunden sollten weiterhin von einer gemeinsamen Preiszone mit Deutschland profitieren können, plädierte E-Control-Vorstand Martin Graf vor Journalisten in Brüssel. Eine Aufteilung der beiden Großhandels-Märke, wie sie vielfach diskutiert wird, würde die heimischen Verbraucher mit 200 Mio. Euro jährlich mehr belasten, rund 5 Prozent der 4 Mrd. Euro betragenden Energielieferungen. Der eine Markt senke das Großhandelspreisniveau bei uns um vier, fünf Euro je Megawattstunde (MWh).

Die Vorteile daraus hätten auch die heimischen Energieversorger erkannt, denn diese hätten heuer bis April um 26 Prozent mehr Elektrizität aus dem Ausland importiert als im gleichen Vorjahreszeitraum: "Die österreichischen EVU kaufen viel mehr am deutschen Markt ein - das ist offenbar günstiger als den Strom selbst zu produzieren", meinte Graf.

Vorteile werden nicht adäquat weitergegeben

Allerdings würden die Vorteile aus dem Strom-Großhandel nicht ausreichend an die Kunden weitergegeben, kritisierten Boltz und Graf. So sei zwar der Großhandelspreis seit 2008/09 um mehr als 50 Prozent gesunken, die Haushalts-Strompreise aber nicht in dem Ausmaß, sagte Graf. Haushalte müssten im Schnitt 7 bis 7,5 Cent pro Kilowattstunde (kWh) zahlen, für günstigere Floater-Produkte zu 4 bis 4,5 ct/kWh werde aber keine große Werbekampagne gefahren.

Dass jetzt mehrere Landesversorger - aus Wien, NÖ und dem Burgenland - über ihre gemeinsame Vertriebsschiene EnergieAllianz die Energiekomponente bei Strom per Oktober um ein Zehntel verbilligen wollen, womit der Gesamtpreis um viereinhalb bis fünf Prozent günstiger würde, sei "wenig", hieß es seitens der Behördenvertreter. Die Roh-Margen der EVU seien in den letzten Jahren gestiegen und seien speziell im Haushaltsbereich hoch, meinte Graf.

Zur Frage, wie Großhandels-Preisvorteile an die kleinen Endkunden weitergegeben werden können, hat die EU-Kommission vor einigen Monaten eine Befragung zum Retailmarkt gestartet. Ein Bericht dazu hätte noch vor dem Sommer herauskommen sollen, berichtete Boltz, der auch Vize-Vorsitzender des Regulierungsrates der EU-Energieregulierungsagentur ACER ist - doch sei die Ukraine-Krise dazwischengekommen. Nun rechne er damit, "dass wir von der neuen EU-Kommission 2015 einige Vorschläge bekommen", die auch Erleichterungen und Verbesserungen zugunsten von Kleinkunden bringen.

Haushaltskunden nicht besonders wechselwillig

Um die Eintrittshürden für ausländische Lieferanten in Österreich zu reduzieren, gehe es etwa um die Öffnung des Regelenergiemarktes zwischen Österreich und Deutschland als einem ersten Schritt, so Graf. Die skandinavischen Länder seien mit der Zusammenlegung der Ausgleichsmärkte schon am weitesten, dasselbe werde nun auch für die Haushalte, also den Retailsektor, überlegt, sagte E-Control-Experte Johannes Mayer.

Durch eine Teilnahme am Regelenergiemarkt könnten die Haushaltskunden künftig mehr mitbestimmen, so Graf. Der Verbund-Stromkonzern etwa versuche große Industriebetriebe in den Regelenergiemarkt hineinzubringen, erinnerte er. Der Haushaltskunde sei allerdings "sehr träge" und nicht besonders wechselwillig, gab Boltz zu bedenken. Die Regelenergie, die sich heute nur national abspiele, gehöre breiter, größer gemacht, jedoch sollte man keine großen Kapazitätsmärkte schaffen.

Von allzu hohen Ökostrom-Zuschlägen wurden die heimischen Stromabnehmer verschont. In Österreich flossen zuletzt rund 700 Mio. Euro Vergütungsvolumen - pro Haushalt sind das heuer 83 Euro -, freilich für einen Wert von lediglich 250 Mio. Euro an erzeugter Energie, rechnete Graf vor. In Deutschland dagegen zahlen die privaten Haushalte im Schnitt bereits mehr als 250 Euro jährlich über die EEG-Umlage für Erneuerbare Energien, in Summe satte 24 Mrd. Euro im Jahr. In Österreich wird die Debatte im Herbst starten, nimmt die E-Control an, denn es stehe die nächste Ökostrom-Reform vor der Tür.

Die E-Control tritt zum Thema Ökostrom-Subventionen für mehr Marktverantwortung des Sektors ein und kritisiert auch, dass die EU-Kommission viel zu lang den unterschiedlichen nationalen Fördersystem zugesehen hat, obwohl diese europaweit laut IEA in Summe jährlich 57 Mrd. Dollar (derzeit 41,9 Mrd. Euro) verschlingen. Und wer Ja sage zum Ökostrom, müsse auch Ja sagen zu leistungsfähigen Stromnetzen.