Erstellt am 30. September 2013, 14:02

Im Einklang mit der Umwelt. Bauingenieurin Maria Fellner über graue Energie, den OI3-Index und die wichtigsten Voraussetzungen für grünes Bauen.

Wie kann man im Einklang mit der Umwelt bauen?  |  NOEN, Wodicka


NÖN: Wird ökologisches Bauen für die Niederösterreicher wichtiger?
Fellner: Ja, gerade private Bauherren wünschen sich für ihre Familie eine gesunde Wohnumwelt unter Berücksichtigung einer ökologischen und ressourcenschonenden Bauweise. Unterstützt wird das durch die verschiedenen Wohnbauförderprogramme der Bundesländer.

Man hört oft von Bauökologie beziehungsweise Baubiologie. Worin liegt der Unterschied?
Baubiologie befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Gebäude, Bauökologie betrachtet die Auswirkungen des Bauens auf die Umwelt.

Wie kann man im Hinblick darauf gesünder bauen?
Gesundheitsfördernd zu bauen bedeutet zum Beispiel: auf ausreichend Licht, gesunde Raumluft oder ausgezeichneten thermischen Komfort zu achten. Das heißt, Lufttemperatur und Luftfeuchte sollten später so sein, dass man sich in den Innenräumen wohl fühlt.

Wer unterstützt dabei? Welche Experten oder Beratungsstellen gibt es?
Neben dem IBO – dem Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie – unterstützt auch die Energieberatungshotline der Energie- und Umweltagentur NÖ (eNu). Die Experten bieten kostenlose und unabhängige Beratung bei Neubau und Sanierung für Privatpersonen.
Außerdem bekommt man Informationen bei klima:aktiv Bauen und Sanieren, der Klimaschutz-Initiative des Lebensministeriums. Und noch ein guter Tipp: die umweltberatung.

Und was bringt „naturnahes“ Bauen?
Naturnah zu bauen war in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Antwort auf die damaligen Bauweisen und Baustoffe. Noch heute werden damit Sehnsüchte nach dem einfachen Leben befriedigt – doch so einfach ist es nicht.
Auch Natur kann ihre Tücken haben, man denke an natürliche Lösungsmittel, die allergenisierende Wirkungen haben können. Wenn man heute von naturnahem Bauen spricht, geht es eher um optimalen Komfort bei sparsamem Energieeinsatz.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein nachhaltig energieeffizientes Haus?
Eine kompakte Bauform, passive Nutzung der Sonnenenergie durch eine optimale Ausrichtung des Gebäudes, gute Qualität der thermischen Hülle (Anmerkung: dazu zählen Außenwände, Dach, Verglasungen), hohe Effizienz der Haustechniksysteme und Einsatz regenerativer Energiequellen unter Einbeziehung örtlicher Ressourcen.
Wie zum Beispiel die Erdwärme über Wärmepumpen in Kombination mit Photovoltaik-Anlagen, Biomasseheizungen gekoppelt mit thermischen Solaranlagen, Nah- oder Fernwärme örtlicher Anbieter oder eine Abwärmenutzung.

x  |  NOEN, zVg


Stichwort Gütezeichen: Auf welche Qualitätssiegel würden Sie vertrauen?
Es muss unterschieden werden zwischen Gütezeichen, die Gebäude auszeichnen und solchen, die Produkte reihen.
Bei Gebäudegütesiegel empfehle ich für Einfamilienhäuser klima:aktiv beziehungsweise die Passivhauszertifizierung, für den großvolumigen Wohnbau neben den bereits genannten, die sehr stark die Energieeffizienz betonen, den IBO ÖKOPASS oder TQB (Total Quality Building). Bei Produkten natureplus, das Österreichische Umweltzeichen, das IBO Prüfzeichen oder den Blauen Engel.

Der OI3-Index beurteilt die ökologische Belastung von Gebäuden. Je niedriger die Punktezahl, desto geringer ist die Umweltbelastung. Ein 15-Punkte-Haus wäre optimal. Wie erreicht man das?
Möglichst Produkte verwenden, für deren Herstellung wenig Energie aufgewendet wird, wie etwa nachwachsende Rohstoffe – zum Beispiel Holz, Stroh-, Flachs-, Hanf-, Schafwoll- oder Zellulosedämmung.
Optimierungen lassen sich übrigens mit dem baubook-Rechner durchführen.

Welche Indikatoren, außer dem OI3-Index, gibt es noch, um die ökologische Gebäudequalität zu messen?
Wesentlich ist die Betrachtung der Gesamtlebensdauer eines Gebäudes: Wie oft müssen einzelne Bau- und Haustechnikkomponenten erneuert werden? Wie gut ist das Gebäude an spätere Nutzungen adaptierbar? Wie hoch ist der gesamte Energieverbrauch (oder kann ich mit meinem Gebäude sogar Energie gewinnen)? Und: Wie sieht das Entsorgungsszenario am Ende des Lebenszyklus aus?
Denn: Bei knapper werdenden Ressourcen sind unsere Gebäude Rohstofflagerstätten der Zukunft. Entscheidend ist dabei, wie gut sich diese Lager erschließen lassen – daher wie gut sind einzelne Gebäudekomponenten demontierbar, recyclierbar oder sogar vollständig kreislauffähig.
Darüber hinaus sollten pro-blematische Inhaltsstoffe und Umweltbelastungen bei Produktion und Verarbeitung vermieden werden sowie die Produkte geringe Emissionen abgeben.

Sie sprechen problematische Stoffe an. Mit welchen Materialien kann man den Schadstoffgehalt gering halten?
Bei der Vielzahl von Baumaterialien ist es immer notwendig, das einzelne Produkt genau anzusehen. Technische Merkblätter können Hinweise geben, bei Gütesiegeln, wie etwa natureplus sind Schadstoffprüfungen obligatorisch. Die Bauproduktdatenbank www.baubook.at bildet Eigenschaften von einzelnen Produkten leicht überschaubar ab.

Welche Rolle spielt die graue Energie in diesem Zusammenhang? Wie kann man sie reduzieren?
Graue Energie beurteilt den energetischen Aufwand zur Herstellung von Baustoffen und ist auch im OI3-Index abgebildet. Der Hauptanteil grauer Energie liegt aber nach wie vor in der Betriebsenergie des Gebäudes. Daher: Eine Reduktion des Energieverbrauchs mit einer klug gewählten Energieträgerkombination schafft das höchste Einsparpotenzial, kompakte Bauweise und Produkte mit einer langen Lebensdauer sowie geringen Austauschzyklen bilden den zweitgrößten Hebel, erst dann folgt die Baustoffwahl.

Ist „grün“ bauen teurer?
Nicht zwangsläufig, denn weniger ist mehr: Weniger Quadratmeter zu verbauen ist ökologisch und schont die Geldbörse. Weniger Material einzusetzen, kann das Gesamtergebnis auch ästhetisch verbessern. Und: Baumaterialien zu verwenden, die schadstoffarm sind, kann langfristig die Gesundheit verbessern.

Kontaktadressen
www.ibo.at
www.energieberatung-noe.at
www.umweltberatung.at
www.baubook.at
www.green-academy.at
www.innenraumanalytik.at

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