Erstellt am 23. Mai 2013, 13:37

Individuell, gemeinsam und flexibel. Regina Gschwendtner ist Architektin und weiß, was ein gemeinschaftliches Wohnprojekt braucht, damit sich Alt und Jung wohl fühlen können.

NÖN: Sie haben als Architektin auch an Wohn-Gemeinschaftsprojekten gearbeitet. Was muss man bei der Planung von einem „Haus für mehrere Generationen“ beachten?
Gschwendtner: Es ist wichtig, dass die Architektur Raum für informelle Begegnungen schafft: großzügige und helle Erschließung, ein großzügiges Foyer, ein gemeinsamer Freiraum oder eine attraktive Waschküche gehören beispielsweise dazu.

Worauf liegt in der Planung das Hauptaugenmerk?
Gerade beim gemeinschaftlichen Wohnen geht es darum, ein gutes Maß zwischen Gemeinschaft und Öffentlichkeit auf der einen und Privatheit und Rückzugsmöglichkeit auf der anderen Seite zu finden.

Worin liegen die Herausforderungen für Sie?
Wir von raum & kommunikation ( www.raum-komm.at ) stellen uns von Planungsbeginn an einem intensiven Diskurs mit der Baugruppe. Das braucht natürlich Zeit, Geduld und Flexibilität im Denken.

"Zurzeit erlebt das gemeinschaftliche Bauen und Wohnen einen Aufschwung"

Worin sehen Sie die Vorteile solcher Wohnprojekte?
Durch die intensive Auseinandersetzung der Bewohner mit ihrem Projekt entsteht hohe Identifikation mit dem Wohnumfeld. Die zukünftigen Nachbarn lernen einander mit ihren Wünschen und Bedürfnissen bereits vor Bezug der Wohnungen kennen.
Die sozialen Kontakte im Haus sind im Allgemeinen um ein Vielfaches intensiver als in herkömmlichen Wohnprojekten.

Welche Gemeinschaftseinrichtungen gibt es in solchen Häusern?
Für gemeinsame Aktivitäten gibt es meist einen multifunktionalen Gemeinschaftsraum, oft auch Werkstätten, Proberäume, eine Sauna, einen Dachgarten und vieles mehr. Jede Baugruppe kann hier ihre Schwerpunkte individuell setzen.

Wie groß ist das gesellschaftliche Interesse an gemeinschaftlichen Bauten?
Nach einer starken Bewegung in den 70er-Jahren war das Thema in Österreich zwischenzeitlich wenig präsent. Zurzeit erlebt das gemeinschaftliche Bauen und Wohnen aber wieder einen Aufschwung.

Was denken Sie, erwarten sich Menschen, wenn Sie in ein generationenübergreifendes Haus einziehen?
Wir können angesichts des demografischen Wandels nicht mehr davon ausgehen, dass im Alter für uns gesorgt wird. Viele Menschen möchten sich daher rechtzeitig ein Umfeld schaffen, in dem sie auch im Alter so selbstbestimmt wie möglich und doch nicht alleine leben können. In manchen Projekten wird auch bereits die soziale und räumliche Struktur für externe medizinisch-therapeutische Hilfe oder soziale Dienstleistungen mitgedacht.

Von wem kommen in der Regel die Ideen zu einem Haus für mehrere Generationen?
So individuell wie die Projekte selbst ist auch deren Entstehungsgeschichte: Die Initiative geht manchmal von Architekten aus, oder aber es tritt eine Gruppe an uns heran, mit der wir dann gemeinsam die nächsten Schritte planen. Auch Einzelpersonen wenden sich an uns, und wir versuchen, nach Möglichkeit, an eine passende Gruppe zu vermitteln.

Was ist der erste Schritt, wenn ich als Privatperson eine Wohngruppe bilden möchte und ein eigenes Projekt umsetzen möchte?
Wenn die Person keine bestehende Gruppe findet, die ihren Vorstellungen entspricht, sollte sie erste Verbündete suchen – zunächst eventuell im Freundes- und Bekanntenkreis. Derzeit ist auch der Dachverbund, eine Plattform für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen in Gründung, welche die unterschiedlichen Gruppen und Organisationen vernetzen wird.

Welche Schritte braucht es noch, um aus einer Idee ein realisierbares Projekt zu machen?
Ich würde jeder Gruppe raten, sich sowohl für die Projektentwicklung als auch für die interne Moderation professionelle Unterstützung zu holen. Bereits eine gute Grundstückwahl und stabile Gruppenregeln können ein Vielfaches an dem ersparen, was man hier investiert.

Sie als Architektin planen – wer baut in der Regel?
Nur wenige Menschen haben heute ausreichend Freizeit, um auch selbst Hand anzulegen. Daher, und auch aus Haftungsgründen, werden bei den meisten Projekten alle Bauarbeiten von Firmen ausgeführt.

Steht bei der Planung bereits fest, wer später einziehen wird beziehungsweise sind die potenziellen Bewohner auch in
die Planung einbezogen?

Ja, oft gibt es bereits eine Kerngruppe, wenn es um die Grundstückssuche oder erste Konzepte geht. Jeder Planungsschritt geschieht in Abstimmung mit den künftigen Bewohnern.

Wie gestaltet sich normalerweise die Zusammenarbeit zwischen einer Wohngruppe, dem Architekten und den Bauträgern?
Hier gibt es verschiedene Modelle: Bei zwei Projekten, die raum & kommunikation derzeit betreut, übernimmt der Bauträger hauptsächlich die Vorfinanzierung. Der Gruppe steht ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit zu. Sie trifft sich regelmäßig; und meist werden Entscheidungen nach dem Konsensprinzip getroffen.
Projektsteuerung und Planer sind dafür verantwortlich, dass die Ideen in gebaute Realität umgesetzt werden. Sie betreuen die zeitlichen, ökonomischen, planerisch- rechtlichen und gestalterischen Aspekte.

Was war Ihr bisher spannendstes Projekt?
Das spannendste Projekt ist immer das, an dem ich gerade arbeite. Zurzeit sind das unter anderem die Wohnprojekte „LiSA“ in Wien ( www.lisa.co.at ) und „Stadlmaier“ in Gablitz ( www.artsliving.org ), beide noch auf der Suche nach Mitgliedern.

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