Erstellt am 23. April 2013, 09:19

Leben für Wasserkraft. Jost und Annelie Berger betreiben in Spielberg bei Melk ein Kleinwasserkraftwerk. Er hat die Herrenmühle im Alter von 27 Jahren vom Stift Melk gepachtet und sich damit einen Traum erfüllt. Viel Arbeit investierten sie in die Instandsetzung des historischen Gebäudes.

Die Schaltzentrale: Jost Berger lebt und arbeitet in der Herrenmühle in Spielberg bei Melk, und das alles im Einklang mit der Natur.  |  NOEN, Eva Posch
Was für Jost Berger und seine Frau Annelie mit einem Traum begann, schlägt mittlerweile hohe Wellen und lässt die Turbinen surren. 37 Jahre ist es nun her. Damals begab sich der 27-jährige Techniker auf die Suche nach einem alten Kleinwasserkraftwerk. Instandsetzung und Instandhaltung – so lautete dabei das Ziel.
„Als Elektrotechniker war ich von Wasserkraftwerken einfach fasziniert. Man lernt als Ingenieur ja auch genau das, was man braucht, um ein solches Kleinwasserkraftwerk zu betreiben“, erklärt Jost Berger.

Durch Zufall entdeckte der gebürtige Wiener schließlich die verfallene Herrenmühle in Spielberg. „Eigentlich waren wir auf dem Weg zu einer Mühlenbesichtigung in Schönbühel. Als wir in Spielberg waren, dachten wir, dass wir schon am Ziel wären. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Kurz darauf unterschrieben Jost und Annelie den Pachtvertrag vom Stift Melk. Danach hieß es für das Paar die Ärmel hochkrempeln. „Es war vom Boden bis zum Dach eine einzige große Herausforderung.“ Mit dem Einfallsreichtum von McGyver und dem Spürsinn von Inspektor Columbo prüfte er das Gebäude auf Mängel und führte selbst die Reparaturen durch. 300 Wochenenden und sechs Urlaube später konnte das kleine Kraftwerk schlussendlich in Betrieb genommen werden.
„Rückblickend betrachtet war es, ohne einen Schilling in der Tasche, ein sehr gewagtes Unternehmen“, erinnert sich Berger an seine Anfangszeit. Noch vor der Inbetriebnahme fuhr der frischgebackene Kraftwerkspächter von Ort zu Ort, um seine Kollegen um Rat zu fragen. „Ich hab von den erfahrenen Betreibern gelernt, worauf es bei dieser Arbeit ankommt. Sie verrieten mir auch die Fehler, die sie gemacht haben. Die hab’ ich mir dann erspart.“
Heute umrahmt ein gut gepflegter Park die Herrenmühle. Neben Statuen und Säulen gibt es auch Räder schlagende Pfaue zu bewundern. Aber der wahre Blickfang ist die Mühle selbst. Ganze 3.000 Liter pro Sekunde laufen im Kraftwerk den Fluss hinunter, und das über ein Gefälle von vier Metern.
Dabei wird jährlich eine Energiemenge von 600.000 Kilowattstunden erzeugt. Das entspricht dem Verbrauch von 200 Haushalten.

Für Berger und seine Frau gibt es somit immer etwas zu tun. Besonders mit den Jahreszeiten haben die Betreiber zu kämpfen. „Hochwasser im Frühjahr, Trockenheit im Sommer, Laub im Herbst, Eis im Winter. Aber dazwischen geht es uns gut“, meint Berger lachend. Tagtäglich kontrolliert er die Maschinen auf Störungen und auch den Mühlbach selbst untersucht er auf umgefallene Baumstämme.
Auch die Rechenanlage muss er genau unter die Lupe nehmen. Keine leichte Tätigkeit, wie Berger zu berichten weiß: „Nach einem Sturm sind 100 Kubikmeter Totholz im Rechen keine Seltenheit. Das gehört einfach dazu.“ Die Arbeiten sind für ihn schon zur Routine und das Kraftwerk zum Freund geworden. Besonders viel Wert legt der Wahl-Melker auf eine ökologische Betriebsführung.
„Wenn alles blüht, sieht der Mühlbach aus, als wär’ es der Amazonas.“ Ein perfektes Umfeld also, das vielen Tieren und Pflanzen einen Rückzugsort bietet. Selbst bei der sogenannten Bachabkehr, die einmal im Jahr stattfindet, kommt dem erklärten Naturschützer kein Bagger ins Haus: „Ich habe ein eigenes Verfahren entwickelt, bei dem Tiere und Pflanzen geschont werden, und auch wichtige Sedimente bleiben dem Fluss erhalten.“ Durch kontinuierliches Beschleunigen der Durchströmung wird alles, was sich über das Jahr am Grund ansammelt, weggespült, ohne die Natur zu stören. Bis zu seinem 45. Lebensjahr führte Berger das Kraftwerk neben seinem beruflichen Alltag als Kybernetiker. „Es war für mich immer rein zur Unterhaltung. Etwas, das ich in meiner Freizeit machen konnte“, erklärt der heute 64-Jährige.

Zum Hauptberuf hat er sein Kraftwerk nie gemacht. „Wir sehen es einfach nicht als Arbeit. Für uns ist es das Schönste, das zu tun, was wir gerne machen.“ Und das genießt das Ehepaar auch rund um die Uhr. Denn das Gebäude dient Berger und seiner Frau nicht nur zur Energiegewinnung. In vielen Tausend Arbeitsschritten haben sie die Herrenmühle zu ihrem Heim gemacht. Raum für Raum wurde nach ihren Wünschen umgestaltet, ohne dabei die historischen Besonderheiten zu zerstören. Ein Wohnsitz, der sich zweifellos sehen lassen kann. „Man lebt sehr nahe mit dem Wasser, der Witterung und der Natur.“ Das alles rundet der Nebenwohnsitz mit einer gehörigen Portion Gemütlichkeit ab.

Dementsprechend weiß das Pächterehepaar ganz genau, dass dieses einzigartige Mühlengebäude auch in Zukunft Menschen finden wird, die sich für diese spezielle Arbeit begeistern können. Jemand mit Herz und Leidenschaft. Denn nur wer das sein eigen nennt, weiß die vielfältigen Herausforderungen, die Wasserkraft mit sich bringt, zu schätzen. Naturverbundenheit, selbstständiges Arbeiten, spannende Krisensituationen und ständige Tüfteleien machen den Beruf zu etwas ganz Besonderem.


Kleinwasserkraftwerke in Niederösterreich
Rund 540 anerkannte Kleinwasserkraftwerke sind in Niederösterreich verzeichnet:
  • Diese Kraftwerke liefern jährlich etwa 510 Millionen kWh Ökostrom ins öffentliche Netz.
  • Sie versorgen rund 145.000 Haushalte.
  • Wasserkraft vermeidet jährlich ungefähr 360.000 Tonnen CO2 im Vergleich zur Stromproduktion mit fossilen Energieträgern.
Niederösterreich als Vorreiter:
Niederösterreich gehört zu den Pionieren der Stromproduktion aus Wasserkraft. Schon im Jahr 1898 ging das erste Drehstromkraftwerk der Monarchie am Kamp in Zwettl in Betrieb. Niederösterreich gilt als bedeutendes „Energiereservoir“ Österreichs: Es liefert beinahe ein Drittel des in Österreich erzeugten Stroms.

Wichtigster Stromproduzent ist die Donau, die als größtes Fließgewässer Österreichs das höchste Wasserkraftpotenzial aufweist. In Niederösterreich hat auch die Nutzung von Kleinwasserkraft lange Tradition. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Größe der meisten Fließgewässer – mit Ausnahme der Donau und des Kamp-Oberlaufs – praktisch nur die Errichtung von Kleinwasserkraftwerken ermöglicht.

Wasserkraft im Vormarsch:
Die niederösterreichische Landesregierung forciert seit Jahren den Ausbau der Wasserkraft. Dabei wird viel Wert auf die Nutzung der Wasserressourcen im Einklang mit der Natur gelegt.
Das Ziel ist die Revitalisierung stillgelegter Anlagen. Revitalisierungen beinhalten dabei immer ökologische und technische Maßnahmen.
  • Ökologische: Errichtung von Fischaufstiegshilfen, Strukturierungsmaßnahmen, Schaffung einer Restwasserabgabe und vieles mehr.
  • Technische: Turbinentausch, Behebung von Schäden, die Wasserverluste mit sich bringen, Optimierung der Rechenanlage etc.
Quellen: E-Control, Kleinwasserkraft Österreich

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