Erstellt am 12. Juni 2013, 14:50

"Nicht nur Liebhaberei". Interview | Herbert Gruber ist Obmann des Österreichischen Netzwerks für Strohballenbau. Im Gespräch erklärt er, warum Strohballenbau nicht nur Liebhaberei, sondern eine Vernunftfrage ist.

Der Obmann des Österreichischen Netzwerks für Strohballenbau Herbert Gruber blickt in die Zukunft des Strohballenbaus.  |  NOEN, privat
NÖN: Wohin gehen die aktuellen Entwicklungen bei der Strohballenbauweise?
Gruber: Derzeit werden in Österreich hauptsächlich Passivhäuser bzw. Niedrigstenergiehäuser in Strohballenbauweise errichtet. Nachdem vor etwas mehr als zwei Jahren die Baustrohballen eine Zulassung (Waldland) bekamen bzw. von der Gruppe „Angepasste Technologie“ an der TU Wien (GrAT) auch zertifiziert werden, verlangen die Gebietsbauämter immer öfter, dass mit zugelassenen oder zertifizierten Baustrohballen gebaut wird.

Wo liegen die Probleme beim Bauen mit Stroh?
Die Zertifizierung von Ballen kann bis dato nur während der Ernte vorgenommen werden, wenn eine Baufamilie (üblicherweise) im Frühjahr bauen will, muss sie sich also schon im Jahr davor die Ballen bei der Ernte sichern und diese auch lagern. So schön die Entwicklungen zu sein scheinen, haben sie doch dazu geführt, dass in den letzten Jahren weniger Strohballenhäuser errichtet wurden. Baufamilien sehen einfach nicht ein, dass einer der nachhaltigsten Baustoffe nun nicht mehr vom nächsten Bauern kommen kann. Hier ist auch die Politik gefordert, will man wirklich Nachhaltigkeit und CO2-Einsparungen.

Was sind die derzeitigen Projekte?
Es gibt zurzeit ein paar sehr interessante Projekte im Strohballenbau. Zum einen ist das ein Gemeinschaftshaus, das vom Verein „Einfach Gemeinsam Bauen“ gemeinsam mit den Baufamilien in Herzogenburg errichtet wird. Dann gibt es ein Projekt von Stroh+, wo derzeit südlich von Wien in Moosbrunn ein lasttragendes Strohballen-Passivhaus mit Großballen gebaut wird. Anfang des Jahres haben wir für die Kinderfreunde Wien am Robinson-Abenteuerspielplatz ein Gebäude im Rahmen eines Workshops mit Stroh gedämmt, hier wurde eine hierzulande komplett neue Technik angewendet.

Worin bestehen die Unterschiede zu einer normalen Bauweise?
Im Prinzip werden Strohballen in den meisten Fällen als Dämmstoff in Holzständerkonstruktionen eingebracht, es gibt also nur den Unterschied, dass in der Dämmebene statt Zellulose, Flachs, Hanf oder Schafwolle nun Strohballen als Dämmstoff mit ähnlichen Dämmwerten eingefüllt werden. Neben diesen klassischen Holzständer- oder Holzrahmenbauten gibt es auch ein paar exotische Techniken, wie die bereits erwähnte lasttragende Bautechnik, bei der meist die Ballen direkt verputzt werden.

"Es ist eine Frage der Vernunft, mit Stroh zu bauen."

Wo liegen die Kosten bei einem Haus mit Strohballenbauweise?
Abgesehen von einigen „Ausreißern“ kann man sagen, dass ein mit Strohballen gedämmtes schlüsselfertiges Haus denselben Preis hat wie ein mit Zellulose gedämmtes. Einsparungen bis zu maximal 30 Prozent sind durch die Mithilfe beim Bauen in Bereichen, die eigentlich sehr einfach zu lernen sind, möglich.

Wie lange dauert es, ein „Strohballen-Haus“ zu bauen?
Das hängt vom Vorfertigungsgrad ab. Holzständerbauten werden üblicherweise in zwei bis drei Wochen in der Zimmerei vorgefertigt, also parallel zu den Baumeisterarbeiten mit Fundament und der Aufschließung des Grundes, und in meist einer Woche aufgestellt, bedacht und befenstert. Danach dauert es meist fünf Monate, bis der Innenausbau fertig ist. Die Strohballendämmung eines durchschnittlichen Einfamilienhauses machen wir in Workshops vor Ort an einem Wochenende mit rund zwölf Personen. Der Lehmputz dauert dann etwa drei Wochen.

Wo wird der Weg in Zukunft hinführen?
Wir hoffen stark darauf, dass der Baustoff Strohballen so anerkannt wird, wie er es verdient. Es ist nicht nur Liebhaberei, es ist vor allem eine Frage der Vernunft, mit Stroh zu bauen. Weltweit hat sich diese Bewegung in rasantem Tempo vergrößert, aber im internationalen Vergleich sind jene Länder am erfolgreichsten, die den Strohballen in die Baunorm gebracht haben, statt ihn zu zertifizieren. Das müssen wir in Österreich auch schaffen. Denn dass ein Vorarlberger seine Strohballen aus Niederösterreich kaufen muss, führt die Sache ad absurdum.
Aber ich bin zuversichtlich. Denn es gibt immer mehr Organisationen und Institutionen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, forschen und entwickeln, dokumentieren und Lobbying betreiben.

Besteht eine Bedrohung für die Bauindustrie?
Der Strohballenbau ist kein Massenphänomen, er wird immer eine Marktnische in erster Linie für Menschen sein, die Alternativen suchen und bereit sind, selbst Hand anzulegen. Daher droht der Bauindustrie keine Gefahr durch den Strohballenbau.
Im Gegenteil: Bewohner von Strohballenhäusern sind zum überwiegenden Teil glückliche und gesunde Hausbesitzer, und was kann sich eine Zimmerei oder ein Bauunternehmen denn Besseres wünschen als Menschen, die zufrieden sind, dies weitererzählen und weiterempfehlen und sich nicht über jedes kleine Detail, das irgendwo schief geht, aufregen?

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