Erstellt am 22. April 2013, 13:11

Strom durch Sonnenstrahlen. Das AKW Zwentendorf wird nicht nur als Trainingszentrum für ausländische AKW-Mitarbeiter genutzt, sondern auch als Photovoltaikanlage der EVN.

 |  NOEN, Gabriele Moser/ EVN
Bei der Anfahrt auf dem neu benannten Sonnenweg thront der Atommeiler über der Landschaft des Tullnerfeldes und erinnert die Besucher beim Anblick des Atomkraftwerkes an die größte Investitionsruine der Zweiten Republik.
Durch die Volksabstimmung am 5. November 1978, wo mit einer knappen Mehrheit von 50.47 Prozent gegen die Inbetriebnahme votiert wurde, hat Zwentendorf aber auch zu einem neuen Denken im Demokratieverständnis der Österreicher geführt. In Folge der Volksabstimmung kam es in Österreich zu einem Atomsperrgesetz, welches im Jahr 1999 durch ein Bundesgesetz verschärft wurde und nun im Verfassungsrang steht. EVN-Pressesprecher Stefan Zach hatte durch die Diskussionen im Vorfeld der Abstimmung das erste Mal Kontakt mit dem AKW: „Die Gespräche im Vorfeld führten auch innerhalb des Familienverbandes zu Auseinandersetzungen, für viele war die Abstimmung, aufgrund der Rücktrittsdrohung von Kreisky, auch ein Politikum“.
Daneben fehlt dem Reaktor aber ein typisches Element eines Atomkraftwerkes: ein Kühlturm. „Dieser war in Zwentendorf nicht notwendig, da immer genug Wasser die Donau hinunter fließt“, klärt Zach auf.

EVN erwarb im Jahr 2005 das Gebäude
Drei Jahrzehnte nach dem gescheiterten Versuch in Österreich Atomstrom zu etablieren, nutzte die EVN im Jahr 2005 die Chance, das historische Atomkraftwerk zu erwerben.
„Kraftwerksgelände sind ein seltenes Gut, und wir haben damals schon Pläne gehabt, die in Richtung erneuerbarer Energien gehen sollten“. Vor der Übernahme durch die EVN beheimatet der insgesamt eine Milliarde Euro teure Bau die niederösterreichische Gendarmerieschule. „Es war also damals schon ein sehr sicheres Gebäude“, schmunzelt Zach. Ebenso wurde der Bau als Ausweichquartier für diverse Schulen genutzt.
Im Jahr 2010 gründete man gemeinsam mit der Technischen Universität Wien das Photovoltaik-Forschungszentrum.
Die Reaktoranlage kann heute auch von Interessierten besucht werden. „Leider haben wir Wartezeiten von bis zu 1,5 Jahre. Wir bemühen uns aber, auch im Rahmen des 35-Jahr-Jubiläums am 5. November, so viele Führungen wie möglich zu gestalten“, plant Zach an den Jubiläumstagen, bis zu 500 Personen pro Tag durch das Atomkraftwerk zu führen.


Beim ersten Betreten der Anlage stechen dem Besucher die bekannten Schutzanzüge ins Auge, zudem führt der Weg vorbei an den Duschen und der geplanten Messstelle für die Mitarbeiter. Eine Kontrollschleuse fällt mit ihrer Bauart besonders auf, wurde sie doch für einen geplanten Hollywood-Film in den 1990er- Jahren nachgebaut. „Über die Jahre bekamen wir immer wieder Anfragen von Filmteams, die hier einen drehen wollten. Egal ob es die Hollywood-Produktion „Melt Down“ oder die durchgeführte Sat1-Produktion „Restrisiko“ war, ist Zwentendorf bei Filmteams sehr beliebt“, ist Zach immer wieder mit Anfragen konfrontiert.

Beeindruckender Blick in die Tiefe des Reaktors
Beeindruckend ist danach der Blick in den 39 Meter tiefen Reaktor. Aber nicht nur dieser lockt Mitarbeiter von AKWs quer über den Globus immer wieder nach Zwentendorf.
„Wir haben an diesem Standort ein Schulungs- und Sicherheitszentrum etabliert. Es gibt, vor allem in Deutschland, viele baugleiche Reaktoren. Diese Mitarbeiter nutzen Zwentendorf, um Reparaturen zu üben und gefahrlose Tests durchzuführen“, ist Zach auf die Vielseitigkeit des zum Vorzeigeprojekt umgewandelten Reaktors stolz.
Um die Zukunft als Schulungszentrum macht sich Zach trotz Abschaltung der deutschen Reaktoren nach der Katastrophe von Fukushima keine Sorgen:„Auch hier wird Zwentendorf helfen, die Reaktoren sicher abzubauen“.
Technikfreunde kommen vor allem im Steuerstabantriebsraum voll auf ihre Kosten. Dieser Bereich, der sich unterhalb des Reaktors befindet, war bei der Atomkatastrophe von Fukushima der Auslöser der Kernschmelze. „Gerade an diesem Bereich waren nach der Atomkatastrophe über 95 Fernsehteams aus der ganzen Welt interessiert“, erlebte Stefan Zach nach Fukushima eine wahre Anfrageflut.
Ein Rundgang durch das AKW nimmt zirka zwei Stunden in Anspruch, zwei Stunden, in denen man aber nicht nur einen einmaligen Einblick in ein Atomkraftwerk bekommt, sondern dabei auch mit spannenden Anekdoten versorgt wird.
 
x  |  NOEN, Markus Glück


Wer hat etwa gewusst, dass auf den Genuss der ersten Führung durch das AKW Mitglieder aus dem Stift Heiligenkreuz gekommen sind.
Dabei führte Abt Gregor Henckel-Donnersmarck auch die Segnung des Gebäudes durch, was dem Zwentendorf-Cheftechniker Johann Fleischer auch zu einem gesegneten Arbeitsplatz verhalf.
„Für Pater Karl Wallner war der Besuch ein besonderes Erlebnis, da er als 16-Jähriger gegen das Kraftwerk demonstrierte“, erfüllte Zach den Pater mit der Besichtigung einen sehnlichen Wunsch.
Nach der verworfenen Inbetriebnahme des Reaktors kamen auch immer wieder die abstrusesten Ideen für die Nutzung zum Vorschein. Darüber, dass sich diese Ideen nicht verwirklicht haben, ist Zach heute noch froh, „ansonsten wäre der Weg für den Sonnenstrom nicht frei gewesen“.
In einem ersten Schritt installierte die EVN 1.000 Paneele. Im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsprojektes im Jahr 2012 wurden weitere 1.300 Paneele gebaut. „Mit diesen Investitionen liefert Zwentendorf nach drei Jahrzehnten doch Strom“, ist Zach von der Kraft der Sonne überzeugt.
Um sich weiterhin klar gegen die Atomkraft zu positionieren, stellt die EVN das Gelände von 30. Mai bis 2. Juni 2013 Global 2000 für das „Tomorrow Festival“ zur Verfügung.

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