Erstellt am 13. Februar 2014, 12:13

Vom natürlichen Kühlen und gesunden Heizen. Wolfgang Amann vom Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen über das richtige Wohnklima und die Energieeffizienz beim Wärmen und Kühlen.

NÖN: Wie erreicht man ein angenehmes Wohnklima im Winter und im Sommer? Welches Gebäudekonzept, welche Bauweise, welche Materialien sind ideal?
Wolfgang Amann:
Mit Haustechnik ist natürlich vieles möglich, meist aber mit hohem Energieverbrauch und Kosten verbunden. Besser ist es, zuerst alle baulichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Das Stichwort lautet in diesem Zusammenhang „LowTech“.
Man kann ein angenehmes Raumklima und ansprechende Temperaturen erreichen, wenn man einerseits den Sonneneintrag bewusst gestaltet und andererseits Wärme und Kühle im Bau selbst speichert.

Die Sonne nutzt man, indem man sie im Winter ins Haus herein holt – also mit südseitigen Fenstern – sie aber gleichzeitig im Sommer durch entsprechende Verschattung draußen hält.
Mit der Speicherung von Wärme und Kühle im Mauerwerk, den Böden und den Decken erreicht man stabile Temperaturen das ganze Jahr über. Beim Speichern sind massive Baustoffe wie Ziegel und Beton unübertroffen.

Wie wichtig ist Wärme für das Wohnen? Wie sorgt man für „gesunde“ Wärme im Innenraum?
Grundsätzlich könnte man auch im Zelt überwintern. Ein warmes Haus aber bietet uns im Winter dieselben Bewegungsspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten wie in den anderen Jahreszeiten. Ziel sollte es wie gesagt sein, mit möglichst geringem Aufwand das ganze Jahr über eine „Wohlfühltemperatur“ zu erreichen – die wird im Sommer höher, im Winter niedriger sein.

Gesunde Wärme sollte einen ausreichenden Sauerstoffgehalt haben. Ein Wärmeeintrag mit niedrigen Temperaturen ist besser als mit hohen Temperaturen. Und: Zug sollte vermieden werden. Die besten Ergebnisse erzielen Häuser mit großer Speichermasse und einer Lüftungsanlage mit nicht zu hoher Luftwechselrate.

x  |  NOEN, zVg


Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Gebäude im Winter nicht zu sehr abkühlt?
Auf heutigem Standard isolierte Gebäude halten ihre Temperatur auch bei ausgeschalteter Heizung viele Tage lang. Große Speichermassen durch massive Baustoffe verstärken den Effekt.

Ist ein Gebäude allerdings einmal wirklich ausgekühlt, dauert es auch länger, es wieder warm zu bekommen. Die Temperatur in der Nacht abzusenken ist bei modernen Häusern kaum mehr ein Thema.

Wie kann man im Sommer „natürlich“ kühlen?
Hinsichtlich kühler Innenräume im Sommer kann man aus der Geschichte lernen. In der Mittelmeerregion werden seit jeher massive Steinhäuser mit kleinen oder verschatteten Südfenstern gebaut. Große Effekte können auch mit Innenhöfen und entsprechender Bepflanzung erreicht werden. Mit geeigneten Pflanzen ist es möglich, ein Mikroklima am Balkon oder im Hof zu schaffen, das jede Strandbar „in den Schatten stellt“.

"Häuser eignen sich hervorragend zur Energiegewinnung"

Welche Rolle spielt heute das Klima / die Umwelt beim Bauen? Wie hat sich das Ihrer Erfahrung nach geändert?
Die Wahrnehmung in der Bevölkerung über die große Bedeutung von klima- und umweltgerechtem Bauen ist in Österreich im internationalen Vergleich stark ausgeprägt.
Noch bestehen aber viele Hürden, die grundsätzliche Bereitschaft der Bauherren zu umweltgerechtem Bauen auch umzusetzen.

Und wie könnte man grundsätzlich klimafreundlich bauen?
Es geht um die Grundhaltung, nicht nur auf die unmittelbaren Baukosten zu schauen, sondern das eigene Haus über seinen Lebenszyklus hinweg zu beurteilen. Dann kommt man fast zwangsläufig zu klimafreundlichen Lösungen. Wichtig ist aber auch, die eigenen langfristigen Bedürfnisse realistisch zu betrachten.

Ein sehr großes Haus verspricht Lebensqualität. Der Platzbedarf sinkt aber drastisch, wenn beispielsweise einmal die Kinder aus dem Haus sind. Ein wenig Bescheidenheit bei der Wohnfläche ist ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Umweltschutz.

Welche Bedeutung haben Passiv-, Nullenergie- und Plusenergiehäuser im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Wohnklima?
Häuser eignen sich hervorragend zur Energiegewinnung. In Verbindung mit sehr guter Wärmedämmung ist es damit möglich, dass ein Wohnhaus mehr Energie erzeugt als verbraucht. Dies schont nicht nur die Geldbörse, sondern hat auch weitere Vorteile.

Passivhäuser mit kontrollierter Wohnraumlüftung haben eine meist wesentlich bessere Luftqualität als unbelüftete Häuser. Ein großes Plus bieten sie für Allergiker, da ganz einfach Pollenfilter eingebaut werden können. Die gute Wärmedämmung führt auch dazu, dass man die Räume auch bei klirrenden Außentemperaturen bis zur Fensterscheibe nutzen kann. Man hat also gerade im Winter mehr Lebensraum.

Die angesprochenen Konzepte sind heute Stand der Technik. Wenn man sich beim Kauf eines Autos für die neueste Technik entscheidet, ist dies bei einem Gebäude von umso größerer Bedeutung. Schließlich wird ein Haus mindestens zehn Mal so lange genutzt wie ein Auto.

Zu guter Letzt geht es natürlich auch um den Klimaschutz und unsere Verantwortung dafür, dass auch unsere Kinder und Enkelkinder gute Lebensbedingungen vorfinden.

"Häuser sind ein integriertes System"

Was sollte man im Hinblick auf Energieeffizienz und Wohnkomfort beim Neubau beachten? Was kann man später noch nachholen?
Ein zeitgemäßes Haus funktioniert nicht als Baukasten, wo man heute den Rohbau und in zwei Jahren die Isolierung umsetzt. Es ist ein integriertes System, wie ein Auto, um es wieder damit zu vergleichen. Dort kommt ja auch niemand auf die Idee, zuerst das Chassis eines Mercedes zu kaufen und es nach und nach aufzurüsten.

Mangelnde Bauqualität kann die energetische Effizienz eines Hauses beeinträchtigen. Wie erreicht man einen hohen Standard?
Die Qualität der Bauausführung ist tatsächlich ausschlaggebend. Modernes Bauen hat nur noch wenig mit dem traditionellen Ziegelschlichten zu tun. Ein häufiges Problem ist die Koordination der unterschiedlichen Gewerke. Zuverlässige Qualität erhält man, wenn man die gesamten Leistungen aus einer Hand bezieht.


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