Erstellt am 12. März 2014, 10:49

„Tschechisches“ Bartgeierbaby von „österreichischen“ Ammeneltern adoptiert. Verstoßenes Bartgeierbaby entwickelt sich in Eulen- und Greifvogelstation in Haringsee gut.

Bartgeierbaby  |  NOEN, Alex Llopis Dell
Noch vor kurzem galt es als Sorgenkind, jetzt entwickelt es sich unter der Obhut seiner neuen Ammeneltern prächtig:  Jenes Bartgeierbaby, das die von VIER PFOTEN unterstützte Eulen- und Greifvogelstation Haringsee (EGS) von einem tschechischen Zoo vor einigen Tagen übernahm. Seine leiblichen  Eltern hatten sich nur um das ältere Geschwisterchen gekümmert und den Nachzügler verstoßen. Den Betreuern im Zoo war außerdem rasch aufgefallen, dass der Nestling den Kopf nicht heben konnte und ihn seitlich stark verdreht hielt. Bei seiner Ankunft wog der kleine Patient gerade 230 Gramm.
 
Unter natürlichen Bedingungen überlebt immer nur ein Junges

„Da schon am nächsten Tag die Symptome weitgehend abgeklungen waren, der Kopf soweit aufrecht gehalten werden konnte, um ohne Hilfe  das Futter von einer Pinzette abnehmen zu können, wurde beschlossen, den Jungvogel schon am nächsten Tag seinen Ammeneltern anzuvertrauen“, erzählt Dr. Hans Frey, Leiter der EGS. Kurz danach beobachtete das EGS-Team mit dem Feldstecher, dass das neue Elternpaar den Winzling bereitwillig und fürsorglich annahm und ihn schon unmittelbar nach dem Einsetzen ins Nest wärmte. Auch eine erste Fütterung des Kleinen wurde bestätigt.
 
Bei Bartgeiern gibt es das Problem, dass unter natürlichen Bedingungen immer nur ein Junges überlebt. „Da der Legeabstand zumindest fünf Tage beträgt, besteht ein erheblicher Alters- und Größenunterschied zwischen den Geschwistern, die miteinander recht kriegerisch umgehen. So wird das jüngere Geschwister abgedrängt und stirbt immer an Stress und Unterernährung“, erklärt Dr. Frey.

„Hoffen, dass auch die weitere Aufzucht so gut verläuft“
 
Diesem Schicksal konnte der kleine Patient in der EGS entgehen. In der Station, die gleichzeitig die Zentrale einer europaweiten Bartgeier-Zuchtkooperation ist, stehen  Ammenpaare zur Verfügung, um diese "überzähligen" Jungtiere artgerecht aufziehen zu können. Es handelt sich um „erfahrene“ Bartgeier, die mit Kunsteiern in Brutstimmung gebracht werden und danach bereitwillig fremde Nestlinge adoptieren.
 
Zur  großen Freude von VIER PFOTEN und des gesamten EGS-Teams ist das Bartgeierbaby inzwischen bereits sichtlich schwerer und zeigt keinerlei Symptome mehr. Wichtig ist es Dr. Frey nun, dass der Vogel in absehbarer Zeit auch seine Freiheit genießen kann, wie es das Zuchtprogramm vorsieht: „Wir hoffen, dass auch die weitere Aufzucht so gut verläuft wie bisher und unser Pflegling in drei Monaten, begleitet von seinen ehemaligen tschechischen Tierpflegern und uns, in die Natur entlassen werden kann.“