Erstellt am 08. Oktober 2014, 18:27

von APA/Red

89-Jähriger attackierte Frauen im Prater. Ein 89 Jahre alter Mann ist am Mittwoch von der Justizwache in den Verhandlungssaal 102 im Wiener Straflandesgericht eskortiert worden.

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Der hochbetagte, aber rüstige Mann hatte im vergangenen Frühjahr für Schlagzeilen gesorgt, weil er innerhalb einer Woche im Prater drei Frauen mit einem Schnitzelklopfer attackiert hatte. Er habe sich "am Schicksal rächen wollen", stellte der Pensionist fest.

Auf die Frage, ob er wisse, warum er vor Gericht sei, erwiderte der 89-Jährige: "Ich hab' angeblich mit einem Gegenstand Leuten auf den Kopf g'haut." Als am 30. April eine Frau im Prater auf einer Parkbank Platz nahm, näherte sich der 89-Jährige der Staatsanwaltschaft zufolge von hinten und schlug ihr einen harten Gegenstand - vermutlich eine Eisenstange - auf den Kopf. Bei zwei weiteren, ähnlich gelagerten Vorfällen bediente sich der Mann jeweils eines Fleischklopfers. Am 3. Mai ging er damit - begleitet von den Worten "Jetzt stirbst du" - auf eine Spaziergängerin los, am 5. Mai verletzte er wieder eine Frau auf einer Parkbank am Hinterkopf.

Altersbedingt hielten sich Wucht und die hinter den Schlägen steckende Kraft in Grenzen. Die Opfer wurden jeweils nur leicht verletzt, die Attacken hatten jedoch zum Teil erhebliche psychische Folgen. Eine Frau traut sich seither nicht mehr in die Hauptallee. "Sie hat echt Angst", verriet ihre Rechtsvertreterin dem Schöffensenat (Vorsitz: Ingrid Altmann).

"Für mich waren das keine Frauen"

"Attackiert hab' ich die? Das ist mir neu", meinte der 89-Jährige zu Beginn seiner Einvernahme. Nach kurzer Bedenkzeit stellte er klar: "Für mich waren das keine Frauen. Das war das Schicksal, das verdammte."

Er habe sich damals "in einem furchtbaren Zustand" befunden, führte der Mann ins Treffen. Seine Ehefrau - eine um 30 Jahre jüngere Thailänderin - war Ende Jänner aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, weil der Mann ihr gegenüber wiederholt ein aggressives Verhalten an den Tag gelegt haben soll. Sie kehrte nach Thailand zurück und hat mittlerweile die Scheidung eingereicht.

"Das war wie wenn einen der Blitz erschlagen hätt'. Ich war narrisch, weil sie weg war. Die Wohnung war ausgeräumt. Ich war wahnsinnig. Ich hab' nicht mehr denken können", gab der 89-Jährige zu Protokoll. Da habe er sich "am Schicksal rächen wollen. Ich bin ja immer ausgenutzt worden in meinem Leben".

"Ich hatte Angst um mein Leben"

Eine der Frauen, die von dem 89 Jahre alten Mann im Prater attackiert wurde, war eine 30-jährige Mutter, die mit ihrem Kleinkind einen Spaziergang unternommen hatte. Nachdem sie mit dem Baby einen Spielplatz besucht hatte, setzte sich die Frau auf eine Parkbank und las ein Buch, während ihre Tochter neben ihr im Kinderwagen schlief.

Aus den Augenwinkeln habe sie den alten Mann wahrgenommen, schilderte die Frau im Zeugenstand: "Mir war aber nicht bewusst, welches Risiko von ihm ausging." Plötzlich habe sie einen Schlag verspürt: "Mein erster Gedanke war, etwas ist von einem Baum gefallen." Als sie sich umdrehte, habe sie den Mann gesehen, der soeben zu einem zweiten Schlag ausholte, wobei sie in seiner linken Hand den Kopf eines Fleischklopfers erkannte: "Ich bin erschrocken. Ich hatte Angst um mein Leben."

Die 30-Jährige sprang auf und begab sich mit dem Kinderwagen im Laufschritt zu einer Menschengruppe, die rund 50 Meter entfernt stand. Augenzeugen verständigten die Polizei, die den 89-Jährigen festnahmen und ins Otto-Wagner-Spital brachten. Die 30-Jährige kam in ein Krankenhaus, wo ihre Schnittwunde am Hinterkopf genäht wurde.

Beamte beschimpft und bedroht

Der 89-Jährige wiederum geriet im Otto-Wagner-Spital mit der Justizwache in einen Konflikt, weil die Beamten darauf bestanden, dass er auch seinen Ehering abstreifen und zu den Depositen geben musste. Der 89-Jährige soll nämlich Anstalten gemacht haben, diesen zu verschlucken. Weil er den Ring nicht hergeben wollte, soll der betagte Mann gedroht haben, er werden die Beamten "töten, wenn ihr mir den Rücken zudreht".

Er soll sie auch mit Essensresten beworfen und mit Schimpfwörtern wie "Scheißkas" und "Drecksau" bedacht haben. Das sei gelogen, echauffierte sich der 89-Jährige, als die Beamten im Zeugenstand diese Abläufe schilderten: "Pfui Teufel! Die Justiz lügt! Pfui Teufel! Ich tät' mich genieren." Die Wachebeamten wären "nicht berechtigt" gewesen, ihm den Ring abzunehmen: "Wenn man verheiratet ist, muss man den Ehering nicht hergeben."

Laut Gutachten nicht schuldfähig

Laut Gerichtspsychiater Karl Dantendorfer leidet der betagte Mann an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissoziativen, emotional instabilen und paranoiden Strukturen. Dem Gutachten zufolge war er zu den Tatzeitpunkten zurechnungsunfähig und damit nicht schuldfähig. Da Dantendorfer befürchtet, dass der 89-Jährige infolge seiner psychischen Erkrankung erneut eine Straftat mit schweren Folgen begehen könnte, empfahl er diesen zeitlich unbefristet in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen.

"Ich weiß nicht, ob das bei jemandem, der im kommenden September 90 wird, der richtige Platz ist", bemerkte Verteidigerin Kristina Venturoni-Köck, die auch als Sachwalterin für den Mann auftrat. Sie verwies darauf, dass es auf ihr Betreiben hin für den Pensionisten inzwischen einen Platz in einem Pflegeheim gebe.

Einweisung bereits erfolgt

Am Mittwoch Nachmittag erfolgte die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Der hochbetagte Mann war damit überhaupt nicht einverstanden.

"Da geh ich nicht hin! Nach Göllersdorf (die an ein psychiatrisches Krankenhaus angelehnte Justizanstalt Göllersdorf ist auf geistig abnorme Rechtsbrecher spezialisiert, Anm.) geh ich nicht! Da werd' ich misshandelt. Ich melde Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an", schrie der Mann nach der Urteilsverkündung. Und weiter: "Wenn meine Anwältin nicht Berufung macht, kündige ich ihr die Vollmacht". Nach eingehender Beratung mit seiner Rechtsvertreterin Kristina Venturoni-Köck, die ihm zusicherte, ihm im Rahmen des Maßnahmenvollzugs einen anderen Platz zu suchen, verzichtete der 89-Jährige schließlich doch auf Rechtsmittel. Die Entscheidung des Schöffensenats ist damit rechtskräftig.