Erstellt am 04. November 2015, 15:24

von APA/Red

VW-Skandal erreicht noch einmal neue Dimension. Der Abgasskandal bei Volkswagen erreicht eine neue Dimension: Nicht nur gefährliche Stickoxide (NOx), auch klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) dürfte laut internen Untersuchungen von vielen Modellen in größeren Mengen ausgestoßen worden sein als angegeben.

Jede Woche werden neue Details bekannt  |  NOEN, APA (AFP)

Damit könnte der tatsächliche Spritverbrauch von Hunderttausenden Fahrzeugen höher liegen, als deren Besitzer bisher annahmen.

Am Dienstagabend hatte VW nach Manipulationen bei Stickoxid-Werten auch "Unregelmäßigkeiten" bei CO2-Werten einräumen müssen. Es gehe dabei hauptsächlich um Dieselautos, aber auch um eine geringe Anzahl von Benzinern. Wie hoch der gemessene Ausstoßüber den offiziellen Werten liegt, sagte ein Sprecher zunächst nicht.

Die neuen Hiobsbotschaften schickten die Vorzugsaktie der Wolfsburger am Mittwoch abermals auf eine Talfahrt. Das Papier sackte am Mittwoch nach Handelsbeginn in Frankfurt zeitweise um mehr als 10 Prozent ab. "Nach derzeitigem Erkenntnisstand können davon rund 800.000 Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns betroffen sein", hieß es in Wolfsburg. Europas größter Autobauer taxierte die wirtschaftlichen Risiken in einer ersten Schätzung auf rund 2 Mrd. Euro.

Der neue Vorstandschef Matthias Müller versprach erneut eine "schonungslose" Aufklärung: "Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative." Der Aufsichtsrat reagierte "mit Betroffenheit und Sorge" auf die neuen Erkenntnisse. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) wird sich die Aufsichtsratsspitze spätestens an diesem Sonntag treffen, der komplette Aufsichtsrat dann am Montag.

Bisher ging es in dem Skandal ausschließlich um Stickoxide. Im September hatte VW eingestanden, bei Abgastests auf dem Prüfstand mit Softwarehilfe die Ergebnisse für Dieselmotoren manipuliert zu haben. Das Programm schaltet in Testsituationen in einen Sparmodus. In dem Zusammenhang musste VW bereits 6,7 Mrd. Euro zurückstellen.

In den USA, wo der Abgasskandal seinen Ausgang nahm, wandte sich nach einem Bericht des Deutschlandfunks das Energie- und Handelskomitee des US-Repräsentantenhauses mit der Bitte um weitere Informationen an VW-Landeschef Michael Horn. Bis zum 16. November solle dieser weitere Dokumente vorlegen. Die Umweltbehörde EPA wirft VW, Audi und Porsche vor, auch bei größeren Dieselmotoren getäuscht zu haben. Die Unternehmen wiesen die Anschuldigungen zurück.

Porsche hat unterdessen den Verkauf des Geländewagens Cayenne mit Dieselmotor in den USA gestoppt. Man habe die Auslieferung der entsprechenden Modelle dort vorerst eingestellt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. Man prüfe die Vorwürfe der EPA noch.

Mit Blick auf die CO2-Werte hatte die Holding der Stuttgarter VW-Luxustochter schon am Dienstagabend angedeutet, dass auch im Ergebnis der Porsche SE ein "belastender Effekt" eintreten könnte. Derzeit gehe man aber für 2015 weiter von einem Gewinn nach Steuern zwischen 0,8 und 1,8 Mrd. Euro aus - auch "unter dem Vorbehalt weiterer Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Dieselthematik".

VW hatte erklärt, im Rahmen der laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren sei aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Betroffen seien überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Es gehe um den Polo, Golf und Passat, sagte ein Sprecher. Bei Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen. Bei Skoda gehe es um den Octavia, bei Seat um den Leon und Ibiza. Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung gebe es Auffälligkeiten. Es handle sich aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

CO2 ist zwar unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und wesentlich für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Die CO2-Grenzwerte sind in der EU in den vergangenen Jahren nach schwierigen Verhandlungen verschärft worden.

Die neue Dimension könnte auch finanziell gravierende Folgen haben. So hängt in Deutschland die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Pkw mit Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009 auch am CO2-Ausstoß. Damit steht das Risiko im Raum, dass durch die Abgasmanipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind.

In Österreich können Inhaber von VW-Fahrzeugen, deren CO2-Ausstoß nicht den Angaben im Typenschein entspricht, aufatmen: Sie brauchen sich keine Sorgen über Steuernachzahlungen zu machen. Denn die Normverbrauchsabgabe (NoVA), die sich nach CO2-Emission und Fahrzeugwert richtet, wird vom Händler abgeführt - und bei dem liegt daher die Abgabenlast, so das österreichische Finanzministerium am Mittwoch zur APA.

Festgestellt wird der CO2-Ausstoß im Ursprungsland der Erstzulassung - im Falle von VW ist das Deutschland. Sobald die deutschen Behörden eine Manipulation feststellen melden sie dies dem österreichischen Verkehrsministerium, das diese Info an die Finanzverwaltung weiterleitet, beschreibt das Finanzministerium den Behördenweg.

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) appellierte am Mittwoch an die Politik, strengere Regelungen und Kontrollen umsetzen. Die Autofahrer dürften für die Manipulationen jedenfalls nicht zum Handkuss kommen. Der VCÖ weist seit Jahren darauf hin, dass der Realverbrauch von Fahrzeugen nicht der Realität entspricht, woraufhin er von VW vor einigen Jahren geklagt wurde.

Die französische Fachzeitschrift "Auto Plus" hatte Ende Oktober berichtet, dass Autos im Durchschnitt gut ein Drittel mehr Kraftstoff verbrauchen als die Hersteller angeben. Neuere Wagen von Volkswagen verbrauchten 55 Prozent mehr, bei neueren BMW-Modellen betrage die Abweichung sogar 65 Prozent.