Erstellt am 21. Juni 2015, 13:39

Amokfahrt in Graz: Psychologe geht von geplanter Tat aus. Bei der Amokfahrt in Graz, bei der am Samstag drei Menschen getötet und 34 teilweise schwer bis lebensgefährlich verletzt worden sind, geht der klinische Psychologe Salvatore Giacomuzzi von einer geplanten Tat aus.

 |  NOEN, APA/ELMAR GUBISCH
„Alleine die Tatsache, dass der Mann gezielt auf Passanten zuraste, sie verfolgte und immer wieder Menschen überfuhr, deutet darauf hin“, sagte der Innsbrucker Experte am Sonntag.

Er betonte, dass jegliche Schlüsse und Spekulationen, die derzeit über den Mann angestellt würden, lediglich auf der Basis der bisher bekannten Details – also dass der 26-Jährige nach einem Fall von Gewalt in der Familie weggewiesen wurde - gezogen werden können. Die Vorgehensweise des Mannes deute aber darauf hin, dass es sich um keine Schizophrenie oder Depression gehandelt habe. „In diesem Fall würde man sich eher zurück ziehen und um den Zusammenbruch der Familie trauern“, meinte er.

Tat von enormer Gefühlskälte geprägt

„Nachdem er von der Familie weggewiesen wurde und diese nicht mehr für ihn greifbar war, sieht das für mich nach einer Gewaltexplosion im Rahmen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit psychopathischer Komponente aus“, sagte Giacomuzzi. Die Tat sei von enormer Gefühlskälte geprägt gewesen. „Wenn man sich ansieht, wie er den Menschen nachgefahren ist und sie mit dem Messer bedroht hat, dann zeugt das von einer enormen Kränkung des Egos und des Mann-Seins. Er hat versucht, in der Fußgängerzone so viele Menschen wie möglich auszuradieren“, sagte der Fachmann und verdeutlichte abermals, dass diese Feststellungen nur anhand der bisher bekannten Fakten angestellt werden könnten.

"Knallhartes Kalkül mit viel Planung"

Laut den Einschätzungen des klinischen Psychologen deuten die zurückgelegte Strecke und das gezielte Befahren der Fußgängerzone darauf hin, dass sich der Mann bewusst war, Unrecht zu tun. „Dahinter steckt ein knallhartes Kalkül mit viel Planung“, meinte Giacomuzzi. Einen Amoklauf wie diesen könne man im Vorfeld aber kaum verhindern.

„Wenn man vorher nicht im strafrechtlichen Kontext auffällig geworden ist, ist eine Wegweisung alleine zu wenig, um vorbeugende Schritte einzuleiten.“ Würde zu einer bestehenden Vorstrafe eine Wegweisung hinzu kommen, würden Betroffene von klinischen Psychologen und Fachpsychiatern behandelt werden.

Lenker den ganzen Nachmittag einvernommen

Am Samstag konnte der 26-Jährige Amok-Lenker nicht einmal auf die Fragen der behandelnden Ärztin antworten, sein psychischer Zustand war dazu zu schlecht. "Angeblich hat er bei seiner Festnahme von einer Messerstecherei gesprochen, dass er auf dem Weg in die Schmiedgasse (zur Polizei, Anm.) mit dem Auto jemanden angefahren habe, hielt er für möglich. Das Ausmaß war ihm aber anscheinend nicht bewusst", schilderte Christian Kroschl, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Festnahme verlief ohne Gegenwehr des Lenkers, er fuhr bereits langsam, als ihn die Beamten vor der Polizeiinspektion anhielten.

Über die Befragung, die am Sonntag um 14.00 Uhr begonnen hatte, gab es bis zum Abend kaum Informationen. Der 26-Jährige konnte zwar einvernommen werden, wich aber immer wieder aus, schilderte der Staatsanwalt. Der Verdächtige sollte anschließend in die Haftanstalt Graz-Jakomini gebracht werden, wo er am Montag einem Haftrichter vorgeführt wird.

Drei Patienten noch in kritischem Zustand

Von den 34 Personen, die bei der Amokfahrt eines 26-Jährigen am Samstag in Graz verletzt worden sind, haben sich am Sonntag noch drei Erwachsene in kritischem Zustand befunden. Zwei Kinder sind nach wie vor im LKH auf der Intensivstation, ihr Zustand sei aber stabil, hieß es seitens des Spitals.

Der Großteil der Verletzten wurden ins Grazer LKH oder UKH gebracht, einige wurden im LKH West und im Krankenhaus der Elisabethinen versorgt, zwei Patienten wurden nach Klagenfurt und einer nach Oberwart im Burgenland geflogen.

Sonntagmittag befanden sich noch drei Personen im LKH in Lebensgefahr. Im Unfallkrankenhaus waren unter den aufgenommenen Verletzten neun Schwerverletzte, von denen zwei schwere Mehrfachverletzungen aufwiesen und sofort operiert werden mussten. Am Sonntag wurden alle Patienten als stabil bezeichnet.

Arnold Schwarzenegger zeigt sich entsetzt

Der Schauspieler Arnold Schwarzenegger hat sich über die Amokfahrt eines 26-Jährigen am Samstag in seiner österreichischen Heimat entsetzt gezeigt. "Was gestern in Graz passiert ist, ist unsäglich traurig, weil Menschen ihr Leben verloren haben oder verletzt wurden", sagte er am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur.

"Wir müssen alle zusammenarbeiten, um psychische Krankheiten besser zu erkennen. Ich denke, eine solche Tat kann niemand begehen, der gesund ist", sagte Schwarzenegger. Diese Probleme zu lösen, sei keine politische Aufgabe, betonte er: "Wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen." Dies gelte für die USA wie für den Rest der Welt, meinte der 67-Jährige: "Wir müssen zusammenarbeiten, um unnötige Gewalt zu reduzieren, egal ob es sich um Schießereien handelt oder um Tötungen von Menschen mit einem Auto oder einem Messer."

Täter marschierte nicht selbst in Polizeiinspektion

Entgegen einiger Darstellungen vom Samstagnachmittag hat sich der mutmaßliche Amokfahrer von Graz nicht freiwillig der Polizei gestellt und ist zu diesem Zweck in die Polizeiinspektion Schmiedgasse marschiert. Polizisten holten ihn aus dem Wagen und nahmen ihn fest, wie bei einem Besuch von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner in der Polizeiinspektion bekannt wurde.

Damit wurden entsprechende Postings zweier offensichtlicher Augenzeugen vom Samstag auf der Homepage der Stadt Graz bestätigt. Eine Posterin hatte auf http://www.graz.at/cms/beitrag/10251761/1618648 erklärt, dass der mutmaßliche Täter "von einem Polizisten, der sich vor das Auto stellte, gestoppt und draußen verhaftet" wurde.

Ein weiterer Poster schrieb: "Ich bin mit meiner Frau zum Tatzeitpunkt in der Schmiedgasse beim italienischen Restaurant gesessen, als das Fahrzeug mit sehr hoher Geschwindigkeit uns passierte und vor der Polizeistation Schmiedgasse mit quietschenden Reifen und Vollbremsung zum Stillstand kam. Es gab mehrere Schreie (vermutlich der Polizisten) "Raus aus dem Auto". Der Fahrer ist unter Aufsicht von 3 Beamten langsam mit erhobenen Händen langsam aus dem Auto ausgestiegen und wurde von zwei Beamten noch am Fahrzeug durchsucht und verhaftet".

BVZ.at berichtete: