Erstellt am 22. Juli 2015, 19:11

Ankara will Grenze zu Syrien sicherer machen. Nach dem Selbstmordanschlag mit 32 Toten in Suruc nehmen die Spannungen in der Türkei zu: Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) bekannte sich am Mittwoch zur Tötung von zwei türkischen Polizisten als "Vergeltung" für das Massaker.

Immer wieder Tumulte an der Grenze zu Syrien  |  NOEN, APA (epa)

Ankara, das die Extremistenorganisation "Islamischer Staat" (IS) für den Anschlag verantwortlich macht, bereitete Maßnahmen zur Sicherung der Grenze zu Syrien vor.

Die beiden Polizisten seien in der Stadt Ceylanpinar an der Grenze zu Syrien Ziel des Attentates geworden, weil sie mit IS-Banden zusammengearbeitet hätten, erklärte die in der Türkei verbotene PKK auf einer Webseite. Viele Kurden werfen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor, den IS heimlich zu unterstützen. Die Türkei hat dies stets zurückgewiesen. Bei Demonstrationen gegen die Regierung kam es unterdessen erneut zu Ausschreitungen.

Die getöteten Sicherheitskräfte wurden am Mittwoch in einem Haus in Ceylanpinar gefunden, das sie offenbar gemeinsam bewohnten. Beide wurden durch Kopfschüsse getötet. Türkische Medien zitierten den Gouverneur der Provinz Sanliurfa, Izzetin Kücük, mit den Worten, noch sei es unklar, ob es eine "Verbindung zum Terrorismus" gebe.

Der bewaffnete Arm der PKK, die kurdischen Volksverteidigungskräfte (HPG), sprachen von einer "Strafaktion" gegen die Polizisten. Die beiden hätten mit den IS-Jihadisten in Ceylanpinar kooperiert, erklärten die HPG auf ihrer Website. Durch diese Eskalation könnte nun auch der fragile Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der PKK bedroht sein.

Den Selbstmordanschlag am Montag mit 32 Toten in der hundert Kilometer von Ceylanpinar entfernten Stadt Suruc hatte den Behörden zufolge ein 20-jähriger Türke aus der südöstlichen Provinz Adiyaman verübt, der laut Medien Verbindungen zu den IS-Jihadisten hatte. Den Sicherheitskräften zufolge handle es sich um einen Kurden, der im vergangenen Jahr nach Syrien reiste.

Dabei habe ihm demnach eine Organisation geholfen, die dem IS nahestehe. Der Anschlag galt einem Treffen von überwiegend jugendlichen, prokurdischen Aktivisten, die den Wiederaufbau der Grenzstadt Kobane (arabisch: Ayn al-Arab) in Syrien vorbereiten wollten, die von IS-Kämpfern zeitweise besetzt und schwer zerstört worden war.

Ceylanpinar liegt etwa 150 Kilometer östlich von Suruc ebenfalls direkt in direkter Nachbarschaft zu Syrien. Dort hat der IS große Gebiete unter seine Kontrolle gebracht und zwingt den Bewohnern eine besonders radikale Form des Islams auf. Immer wieder gibt es auch Kämpfe zwischen dem IS und kurdischen Gruppen.

Die Anschläge während der vergangenen Tage drohen die Spannungen zwischen der konservativ-islamischen Regierung in der Türkei und der kurdischen Bevölkerung zusätzlich anzuheizen. Seit langem werfen kurdische Aktivisten der Regierung in Ankara vor, die extremistischen IS-Jihadisten zu unterstützen. Regierungschef Ahmet Davutoglu beriet am Nachmittag bei einer Sondersitzung des Kabinetts mit seinen Ministern über einen "Aktionsplan" zur Verbesserung der Sicherheit an der Grenze zu Syrien.

Die Sicherheitslage an der Grenze schürt auch international Sorgen. Teilweise stehen sich türkische Soldaten und IS-Kämpfer in Sichtweite gegenüber.

In der Nacht auf Mittwoch warfen Demonstranten Erdogan und seiner konservativen AK-Partei erneut vor, die IS-Jihadisten zu unterstützen. Bei den Protesten gegen die Regierung sowie den Anschlag in Suruc in Istanbul und anderen Städten kam es zu Ausschreitungen mit der Polizei.

Allein in der Metropole am Bosporus wurden mindestens 51 Personen festgenommen, wie die Behörden mitteilten. Auch seien mehr als 200 Brandsätze beschlagnahmt worden. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Die prokurdische Partei HDP rief für Sonntag zu neuen Protesten in Istanbul auf.

Ein türkisches Gericht verbot auf Antrag der türkischen Regierung indes die Verbreitung aller Foto- oder Videoaufnahmen von dem Anschlag in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Suruc. Infolge dessen war der Kurznachrichtendienst Twitter in der Türkei am Mittwoch stundenlang nicht erreichbar.

Die Behörden versicherten aber, dass sie keine formelle Blockade von Twitter angeordnet hätten, sondern dass "technische Probleme" die Ursache gewesen seien. Demnach mussten zahlreiche Twitterkonten nach der Gerichtsentscheidung gesperrt werden. Am Nachmittag war Twitter wieder zugänglich.