Erstellt am 02. April 2014, 08:07

Bei Fertilität und Familienfreundlichkeit Luft nach oben. Österreich ist nicht besonders familienfreundlich und die Österreicher bekommen zu wenig Kinder.

Mit den Ursachen hierfür hat sich das Generations & Gender Programme auseinandergesetzt, das Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) mit den Autoren am Dienstagabend vorstellte. Sie setzt sich das Ziel, das Land familienfreundlicher zu machen.

Weniger als die Hälfte realisiert Kinderwunsch


Österreich liegt im Gegensatz zu skandinavischen Ländern bei allen Faktoren der Familienfreundlichkeit im hinteren Feld. Ebenso wie die Deutschen erwartet sich die Bevölkerung hierzulande durch Kinder lediglich eine minimale Verbesserung ihrer persönlichen Lebenszufriedenheit, erklärte Norbert Neuwirth, Wissenschafter am Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) der Universität Wien, bei einem Hintergrundgespräch. Weiters erwarten sich die Österreicher wenig soziale Anerkennung, wenn man ein Kind bekommt und eine deutliche Verschlechterung der beruflichen Chancen für Frauen.

Die Erhebungen für die Studie wurden an einem Sample von 3.000 Frauen und 2.000 Männern in den Jahren 2009 und 2013 durchgeführt. Dabei zeigte sich unter anderem, dass nur 43 Prozent der Befragten ihren 2009 geäußerten Kinderwunsch realisierten. Ebenso stellte sich heraus, dass bis Mitte 30 die Hälfte der Frauen ihren Kinderwunsch verwirklicht. Über 35-Jährige tun dies meist nicht mehr. Als Faktoren für unerfüllte Kinderwünsche eruierten die Wissenschafter mehrere Faktoren wie etwa die Uneinigkeit von Paaren, die ungleiche Verteilung der Kinderbetreuungstätigkeiten - 62 Prozent wird von der Mutter erledigt - oder die Unsicherheit. Zwei Drittel der Paare waren sich bereits bei der ersten Befragung unsicher bezüglich ihrer Pläne.

Bei Fertilität "hinreichend Raum nach oben"


"Die Fertilität in Österreich hätte hinreichend Raum nach oben", erklärte Maria Rita Testa, Wissenschafterin am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital. Die stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe, Isabella Buber-Ennser, verwies auch darauf, dass ein Drittel der kinderlosen Frauen im Alter von 35 bis 39 Jahren 2009 ein Kind wollte. Weniger als ein Viertel von ihnen realisierte diesen Wunsch allerdings. Der Kinderwunsch von Über-35-Jährigen bleibe meist unverwirklicht, so Testa. Mütter bekommen außerdem eher Kinder, wenn sie mit der partnerschaftlichen Aufteilung der Kinderbetreuung zufrieden sind. 2012 war eine Frau bei der Geburt ihres Kindes durchschnittlich 30,2 Jahre alt. Bei der Geburt des ersten Kindes waren es im Schnitt 28,7 Jahre.

Österreich biete Familien hohe Geldleistungen, Familienfreundlichkeit habe aber nicht nur mit finanziellen Leistungen zu tun, sondern auch mit dem gesellschaftlichen Klima, schloss Karmasin aus den Daten. "Es steht außer Zweifel, dass Österreich familienfreundlicher werden muss und Anstrengungen unternommen werden müssen", so die Ministerin. Sie verwies etwa auf die Anhebung der Familienbeihilfe und den Ausbau der Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige. Notwendig sei auch die Bewusstseinsbildung, damit der Kinderwunsch nicht zu sehr auf später verschoben wird. Auch während der Studienzeit "über Kinder nachzudenken, ist nicht schädlich", meinte Karmasin. Wünschenswert wären beispielsweise auch familienfreundliche Arbeitszeiten und eine höhere Männerbeteiligung an der unbezahlten Arbeit und der Kinderbetreuung. Hier verwies sie auf die geplante Arbeitsgruppe, die etwa einen Bonus für engagierte Väter diskutieren soll.

Zusammenarbeit mit Unternehmen intensivieren


Die Ministerin räumte ein, dass auch ihr Ressort zum Sparen angehalten ist. Sie strebt daher verstärkt Kooperationen mit Unternehmen an.

Firmen profitieren von familienbewusster Personalpolitik, erklärte auch Wolfgang Mazal (ÖIF): "Wenn Betriebe das liegen lassen, handeln sie kaufmännisch fahrlässig." Die guten Werte bei der Familienfreundlichkeit in Skandinavien erklärt er mit der jahrzehntelangen Entwicklung in diesen Ländern. Diese Kultur lasse sich nicht von heute auf morgen hierzulande umsetzen.