Erstellt am 17. Dezember 2015, 20:00

von APA/Red

Blatters Kampf gegen die Verbannung. Mit einem dicken Pflaster unter dem rechten Auge betrat Joseph Blatter zum vielleicht letzten Mal die FIFA-Zentrale.

Nach einer Gesichts-Operation auch äußerlich angeschlagen stellte sich der suspendierte Präsident am Donnerstag der entscheidenden Vernehmung durch die Ethikhüter des Fußball-Weltverbands. Acht Stunden lang dauerte Blatters Aussage zur dubiosen Millionen-Zahlung an Michel Platini.

Der 79-jährige Schweizer verließ um kurz nach 17.00 Uhr die FIFA-Zentrale in Zürich. Dort hatte er seit 9.00 Uhr vor den FIFA-Ethikhütern Fragen zu der Zahlung von zwei Millionen Franken an den ebenfalls suspendierten UEFA-Chef Platini im Jahr 2011 beantwortet.

"Der Platini-Vertrag ging durch die Finanzkommission, durch das Exekutivkomitee und durch die Kontrollorgane. Er passierte auch den Kongress. Alles wurde abgesegnet", hatte Blatter zuvor der Schweizer "Weltwoche" (Donnerstag) gesagt.

Beim Verlassen der Verbandszentrale äußerte er sich nicht. In einer Stellungnahme meldeten sich aber seine Anwälte zu Wort, die einen Freispruch und die Aufhebung der Suspendierung forderten. "Die Beweise haben gezeigt, dass sich Präsident Blatter ordnungsgemäß verhalten und sicher nicht gegen den Ethikcode verstoßen hat", teilten sie mit. Ein Urteil wird für den 21. Dezember erwartet.

Mit seiner Aussage vor dem deutschen Richter Hans-Joachim Eckert wollte der 79-Jährige doch noch die endgültige Verbannung aus dem Fußball abwenden. "Ich spüre, dass sich alles gut entwickelt", hatte Blatter zuvor beteuert.

Pünktlich zur Anhörung des FIFA-Chefs hing an den Züricher Kiosken die jüngste Ausgabe der "Weltwoche", die auf dem Titel ausgerechnet den skandalumwitterten Blatter zum "Schweizer des Jahres" erklärte. Als "unermüdlichen und bewundernswerten Fußballkämpfer für eine bessere Welt", wie ihn das konservative Blatt umschmeichelte, sieht Blatter sich auch selbst noch immer. "Eigentlich müsste man mir ein Diplom überreichen für das, was ich hier erreicht habe", ließ der langjährige FIFA-Regent wissen. Aus Moskau richtete der ihm treu verbundene Kremlchef Wladimir Putin sogar aus: "Das ist jemand, dem man den Friedensnobelpreis geben sollte."

Das aber sehen die Juristen anders. Die Untersuchungskammer der FIFA-Ethikkommission hat eine lange Sperre für Blatter gefordert, weil sie eine Zahlung von zwei Millionen Franken an den ebenfalls suspendierten UEFA-Boss Michel Platini für mehr als verdächtig hält. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen Blatter unter anderem wegen des Verdachts der "ungetreuen Geschäftsbesorgung" eingeleitet. Und es erscheint nicht ausgeschlossen, dass auch die US-Justiz, die bereits mehrere FIFA-Spitzenfunktionäre angeklagt hat, Blatter bald ins Visier nimmt.

Der tief gestürzte Fußball-Herrscher indes hält seine Weste für blütenweiß. "Ich habe in meinen vierzig Jahren bei der FIFA weder gegen ethische noch juristische Regeln verstoßen", versicherte Blatter. Wie Platini, der seine für Freitag geplante Aussage vor den Ethikhütern verweigerte, sieht sich auch der Schweizer als Opfer der von ihm einst ins Leben gerufenen unabhängigen Ethikkommission.

Am Montag wird Richter Eckert wohl das Urteil verkünden, und Blatter ahnt offenbar, dass es für ihn nicht gut ausgehen wird. "Es gibt, auch für mich, ein Leben nach der FIFA", sagte der Mann aus dem Wallis, der 1975 seinen ersten Posten als technischer Direktor beim Weltverband angetreten hatte und 1998 zum Präsidenten aufgestiegen war. "Es ist ein bisschen meine FIFA, die ich aufgebaut habe in all den Jahren."

Jetzt soll er das Präsidenten-Büro in seiner einstigen Machtzentrale am noblen Zürichberg schon lange besenrein geräumt haben. Interimschef Issa Hayatou, ebenfalls ein Mann mit zweifelhaftem Ruf, wird die FIFA wohl bis zum außerordentlichen Kongress am 26. Februar führen, wenn Blatters Nachfolger gewählt werden soll. Dort noch einmal als Zeremonienmeister aufzutreten, dieser letzte Wunsch würde sich für Blatter bei einer endgültigen Sperre durch die Ethikhüter nicht erfüllen.

Klein beigeben aber wird der einst mächtigste Fußballfunktionär nicht. Einsprüche beim Internationalen Sportgerichtshof CAS und beim Schweizer Bundesgericht könnten die Anwälte noch für einige Zeit beschäftigen. Auch seine angeschlagene Gesundheit dürfte Blatter davon kaum abhalten.

Ein Kollaps am Grab seiner Eltern, 48 Stunden auf der Intensivstation - so schildert Blatter inzwischen die Schreckmomente aus dem November. Deshalb will sich der FIFA-Chef auch im Kampf um den letzten Rest von Reputation an die Empfehlung von Lebensgefährtin Linda und Tochter Corinne halten: "Sie raten mir, Ruhe zu bewahren, und mich an das zu halten, was im Leben wichtig ist: Gesundheit und Liebe."

Das Schweizer Bundesamt für Justiz (BJ) hat unterdessen im Zuge des FIFA-Korruptionsskandals 50 Schweizer Konten bei verschiedenen Banken blockieren lassen. Die Gesamtsumme soll zwischen 50 und 100 Millionen Franken betragen. Ein Sprecher des Fußball-Weltverbandes bestätigte am Donnerstag eine entsprechende Meldung im "Tages-Anzeiger".

Gemäß der Zeitung haben mehrere Funktionäre des internationalen Fußballs Konten in der Schweiz. Als prominenteste Namen nennt das Blatt Ricardo Teixeira, den ehemaligen Präsidenten des brasilianischen Verbandes, und Nicolas Leoz, den langjährigen Chef des südamerikanischen Kontinentalverbands CONMEBOL. Leoz allein soll zwölf Bankverbindungen in die Schweiz vorzuweisen haben.

"US-Behörden haben um Dokumente betreffend 50 Konten bei verschiedenen Banken angesucht, auf welche vermeintliche Korruptionsgelder eingegangen sind", sagte BJ-Sprecher Folco Galli in einem Statement. Insgesamt soll es sich um zehn Geldinstitute handeln. Die US-Justiz ermittelt im FIFA-Skandal seit Monaten, über 40 Funktionäre und Sportvermarkter sind bis dato formell beschuldigt.