Update am 24. Juni 2016, 12:59

Briten stimmten für EU-Austritt. Politisches Erdbeben in der EU: In einem historischen Referendum haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt und damit politische und wirtschaftliche Turbulenzen ausgelöst.

 |  APA/dpa

51,9 Prozent votierten für den Brexit. Premierminister David Cameron kündigte kurz darauf seinen Rücktritt an. "Ich glaube nicht, dass ich der richtige Kapitän bin, der unser Land an sein neues Ziel steuert."

Als Mit-Favorit auf die Nachfolge Camerons gilt Boris Jonson, einer der stärksten Befürworter eines Brexits. Er wurde am Freitag beim Verlassen seines Hauses in der britischen Hauptstadt ausgebuht und ausgepfiffen. Unter den Rufen wie "Drecksack" mussten ihn Polizisten zu seinem Auto begleiten.

Die Reaktionen auf den Brexit-Entscheid ließen nicht lange auf sich warten. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dementierte energisch, dass der Austritt der Briten aus der EU der Anfang vom Ende der EU sein könnte. "Nein", sagte Juncker auf eine entsprechende Frage am Freitag und verließ danach unter Applaus der anwesenden Journalisten das Podium.

"Wir bedauern diese Entscheidung, aber respektieren sie"

Zuvor hatte Juncker die gemeinsame Erklärung der vier Präsidenten zum Brexit verlesen. In dem Schreiben hatten Juncker sowie EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und der amtierende Halbjahresvorsitzende des niederländischen Ratsvorsitzes, Mark Rutte, zu raschen Austrittsverhandlungen mit Großbritannien gedrängt. "Wir erwarten von der britischen Regierung, die Entscheidung der britischen Bevölkerung so schnell wie möglich umzusetzen, so schmerzhaft der Prozess auch ist. Jede Verzögerung würde die Unsicherheit unnötig verlängern", heißt es in dem Statement.

In einem freien und demokratischen Prozess habe das britische Volk den Wunsch geäußert, die Europäische Union zu verlassen. "Wir bedauern diese Entscheidung, aber respektieren sie", so die EU-Spitzenvertreter. Man stehe bereit, die Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich zügig zu starten. Bis dieser Prozess der Verhandlungen zu Ende sei, bleibe das Vereinigte Königreich Mitglied der Europäischen Union, mit allen Rechten und Pflichten, die sich daraus ableiten.

EU-Ratspräsident Tusk warnt vor Hysterie und beschwor die Einheit der restlichen 27. "Wir sind entschlossen, unsere Einheit der 27 zu erhalten", sagte Tusk am Freitag in Brüssel. Dies sei "ein ernster, wenn nicht dramatischer Moment, politisch" betrachtet.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz etwa zeigte sich im Ö1-Morgenjournal in einer ersten Reaktion in London schockiert. Wenn eines der größten EU-Mitgliedsländer aus der EU austrete, könne "kein Stein auf dem anderen bleiben". Die Abstimmung der Briten sei "definitiv ein Erdbeben".

"Trauriger Tag für Europa und Großbritannien"

"Die EU wird überleben", so Kurz. Es sei aber notwendig, dass sich die EU schnell neu aufstelle, wenn sich ein solches Referendum nicht in einem anderen EU-Land wiederholen soll. Es werde sich sehr viel in der EU ändern müssen, und das Tempo und Ausmaß dieser Veränderung müssten "enorm" sein. Die EU müsse ihre zentralen Probleme lösen, wie etwa das Thema Migration. Ebenso müsse es eine Diskussion über die Institutionen geben. Es gelte, mit "kühlem Kopf" an der Neuaufstellung der EU zu arbeiten. "Ein Dominoeffekt auf andere Länder ist nicht auszuschließen", sagte Kurz.

Auch die deutsche Regierung reagierte bestürzt auf den Ausgang des Referendums. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte, die Nachrichten aus Großbritannien seien "wahrlich ernüchternd", wie das Auswärtige Amt auf Twitter mitteilte. Steinmeier sprach von einem "traurigen Tag für Europa und Großbritannien".

EU-Parlamentspräsident Schulz zeigte sich "sehr traurig" nach dem britischen Austritts-Referendum. Nun sei "Stabilität in turbulenten Zeiten, die auf uns zukommen", notwendig. Es gehe darum, dass beide Seiten gegenseitigen Respekt über die verschiedenen Bereiche zeigen. "Jetzt haben die Briten entschieden, auszutreten. Das bedeutet, dass die Staaten, die in der EU bleiben, über eine Verbesserung der EU diskutieren müssen und wie wir vor allem die Eurozonen-Staaten schützen."

Das Europaparlament kommt am Dienstag zu einer Sondersitzung zusammen. Die Abgeordneten sollten sich Dienstag früh um 10.00 Uhr treffen, um über das Ergebnis zu beraten, kündigte Schulz an. Dabei solle eine Resolution verabschiedet werden. Am Nachmittag desselben Tages kommen auch die europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel zu einem zweitägigen Gipfel zusammen. Am Rande dessen soll es auch ein informelles Treffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs geben - ohne Großbritannien.

In vielen EU-Hauptstädten ist nun die Sorge vor einem Erstarken von Nationalisten und Rechtspopulisten groß. In den Niederlanden forderte der Rechtspopulist Geert Wilders sofort ein "Nexit"-Referendum für sein Land. Ähnlich äußerte sich die Chefin der rechtsextremen französischen Partei Front National, Marine Le Pen, für ihr Land.

"Ein Sieg für das Volk"

Jubel gab es naturgemäß bei den britischen EU-Austrittsbefürwortern. Der EU-Parlamentarier und Chef der Unabhängigkeitspartei UKIP, Nigel Farrage, sprach in einer ersten Reaktion von einem "Sieg für wirkliche Menschen, für normale Menschen, für anständige Menschen". Man könne nun davon träumen, dass "die Morgendämmerung für ein unabhängiges Großbritannien angebrochen ist. Wenn die Voraussagen richtig sind, ist das ein Sieg für das Volk. Wir haben gegen die Multi-Nationalen gekämpft. Wir haben gegen Lügen und Täuschungen gekämpft". Farage forderte "nun eine Brexit-Regierung".

Unsicher scheint derweil die Zukunft Schottlands, das nach Ansicht seiner führenden Politiker in der EU bleiben will. Das Ergebnis bei der Brexit-Abstimmung mache "klar, dass das Volk Schottlands seine Zukunft als Teil der Europäischen Union sieht", sagte Regierungschefin Nicola Sturgeon am Freitag laut der britischen Presseagentur PA. Im Gegensatz zum britischen Gesamtergebnis, das einen Sieg der EU-Austrittsbefürworter bringen dürfte, hatten sich die schottischen Wähler in allen Wahlkreisen mehrheitlich für einen Verbleib ausgesprochen.

Der frühere schottische Regierungschef Alex Salmond will sich mit einem Brexit ebenfalls nicht abfinden. Er will, dass Schottland in der EU bleibt, sagte er. Regierungschefin Sturgeon werde "wahrscheinlich am Freitag eine Sitzung einberufen, das Parlament könnte am Sonntag tagen, und sie wird ein Verhandlungsmandat fordern, um die Position Schottlands im gemeinsamen europäischen Markt sicherzustellen". Was die technische und juristische Seite betreffe, damit Schottland ein neues EU-Mitglied werden könnte, zeigte sich der frühere Regierungschef beruhigt: "Die EU hat immer technische Lösungen gefunden."

Zweite Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft?

Unruhe herrscht nach dem Votum auch auf der irischen Insel. Nordirlands Regierungschefin erteilte jeglichen Ideen eines Austritts Nordirlands aus dem Vereinigten Königreich eine Absage. Ein Referendum für ein vereinigtes Irland wäre niemals erfolgreich, sagte die Erste Ministerin Arlene Foster von der Democratic Unionist Party (DUP) am Freitag.

Zuvor hatte die pro-irische Partei Sinn Fein in Nordirland erklärt, sie werde jetzt verstärkt für einen Austritt der Provinz aus dem Vereinigten Königreich werben. Der Ausgang des Referendums gebe den Bestrebungen für ein vereinigtes Irland neuen Auftrieb, sagt Parteichef Declan Kearney.

Zahlreiche Briten fordern nach dem knappen Sieg der Brexit-Befürworter bereits eine zweite Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft. Rund 60.000 Menschen unterzeichneten bis Freitagvormittag online eine entsprechende offizielle Petition. Die britische Regierung beantwortet alle Anliegen, die auf mehr als 10.000 Unterschriften kommen. Bei mehr als 100.000 Unterschriften wird das Anliegen zur Debatte im Parlament vorgeschlagen.

Die Unterzeichner fordern ein zweites Referendum, wenn bei einer Wahlbeteiligung von bis zu 75 Prozent keine Seite mindestens 60 Prozent der Stimmen erreicht. Bei dem Referendum am Donnerstag sprachen sich 52 Prozent der Wähler für einen Brexit aus - die Wahlbeteiligung lag bei 72 Prozent. Die Petition war bereits Ende Mai gestartet worden, fand der Zeitung "Independent" zufolge aber Freitag früh Tausende neue Unterstützer.

Eine Reaktion gibt es übrigens - zumindest indirekt - auch aus den USA. Der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump bezeichnete das Resultat des Referendums als "großartige Sache". Er freute sich, dass die Briten die "Kontrolle über ihr Land zurückbekommen" hätten, berichtete die Zeitung "Guardian". Der Immobilienmogul hält sich derzeit in Schottland auf, um an der Einweihung seines Golfplatzes teilzunehmen.