Erstellt am 22. November 2015, 16:32

Brüssel im Ausnahmezustand sucht mögliche Attentäter. Ein drohender Terroranschlag hat am Wochenende in Brüssel das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht. In der belgischen Hauptstadt sollen sich mindestens zwei gefährliche Terroristen aufhalten, die ähnliche Anschläge wie in Paris verüben könnten. Belgien verhängte für seine Hauptstadt die höchste Terrorwarnstufe. Die Fahnder hatten konkrete Hinweise auf ein geplantes Attentat.

Der Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, sagte am Sonntag im belgischen Rundfunk RTBF: "Es gibt diese Gefahr. Wir haben erfahren, dass sich zwei Terroristen auf Brüsseler Territorium befinden und gefährliche Taten verüben könnten." Deshalb müsse man sehr wachsam bleiben.

Auch der belgische Innenminister Jan Jambon erklärte gegenüber dem flämischen Sender "VRT", "die Bedrohung ist größer als nur Abdeslam alleine". Es handle sich um "mehrere Verdächtige, deshalb haben wir eine derartige Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet", sagte er. Salah Abdeslam ist der Bruder eines der Pariser Selbstmordattentäter und wohnte zuvor im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Abdeslam soll an den Anschlägen in Paris mit 130 Toten beteiligt gewesen sein und sich seitdem in Brüssel verstecken.

Ein festgenommener Freund von ihm, Hamza Attouh, habe ausgesagt, Abdeslam nach den Pariser Anschlägen in dem Brüsseler Stadteil Laeken abgesetzt zu haben. Er habe zudem gesagt, dass Salah Sprengstoff bei sich tragen könnte und dass er "sehr gefährlich und ganz schön wütend" gewesen sei. Das sagte Attouhs Anwältin dem Radio RTBF, berichtete die Nachrichtenagentur Belga.

"Wir wollen, dass Salah sich stellt", sagte Bruder Mohamed Abdeslam am Sonntag dem belgischen Fernsehen RTBF. "Damit er uns, seiner Familie und den Familien der Opfer und all den anderen Menschen (...) die Antworten geben kann, auf die wir warten."

Zu der intensiven Fahndung der Polizei nach seinem Bruder sagte Mohamed Abdeslam: "Wir ziehen es vor, Salah im Gefängnis zu sehen als auf dem Friedhof." Die drei Brüder Abdeslam, die aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek stammen, stehen in Verbindung zu den Terroranschlägen von Paris. Brahim Abdeslam hatte sich im Restaurant "Comptoir Voltaire" in die Luft gesprengt. Nach seinem jüngeren Bruder Salah (26), der bei den Anschlägen beteiligt gewesen sein soll, wird gefahndet. Er wird in Brüssel vermutet.

Mohamed selbst wurde in Molenbeek festgenommen, ist aber wieder auf freiem Fuß. "Ich konnte nachweisen, dass ich zum Zeitpunkt der Attentate nicht in Paris war", sagte Mohamed dem Sender. Seine Brüder hätten sich radikalisiert, ohne dass die Familie es bemerkt habe.

Auch am Sonntag stand in Brüssel das öffentliche Leben weitgehend still. Im Großraum Brüssel galt bereit seit Samstag früh die höchste Terrorwarnstufe. Der gesamte U-Bahn-Verkehr wurde eingestellt, nur Busse und Straßenbahnen fuhren. Einkaufszentren, Geschäfte, Museen wurden geschlossen, Fußballspiele und Konzerte abgesagt. Auch das Wahrzeichen der Stadt, das Atomium blieb geschlossen.

Die Menschen wurden aufgefordert, belebte Plätze mit vielen Menschen in der Hauptstadtregion Brüssel zu vermeiden, also Konzerte, Großereignisse, Bahnhöfe, Flughäfen und den öffentlichen Personennahverkehr.

Am Nachmittag sollte über die Verlängerung der Maßnahmen entschieden werden. Das Krisenzentrum kündigte eine Neubewertung der Lage an, für 17.00 Uhr war der nationale Sicherheitsrat aus Regierung und Experten einberufen. Auf der Webseite des Verkehrsbetreibers STIB stand für Sonntag der Hinweis: "Alle unsere Metro-Stationen bleiben geschlossen. Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme." Am Samstag hatte STIB angekündigt, auf "Anraten des Krisenzentrums" Ocam die Metro bis mindestens 15.00 Uhr einzustellen. Berichte wonach sie erst wieder frühestens am Montag geöffnet wird, wurde von offizieller Seite noch nicht bestätigt.

Der belgische Premierminister Charles Michel sprach am Samstag von "einer ernsten und unmittelbaren Bedrohung". Wegen dieser Informationen habe man die Terrorwarnstufe für Brüssel und in der flämischen Gemeinde Vilvorde auf das höchste Niveau 4 angehoben, sagte Michel. Im Rest Belgiens gilt die Warnstufe 3. Brüssel ist Sitz der Einrichtungen der Europäischen Union und der NATO. In der Hauptstadtregion leben mehr als eine Million Menschen.

Es ist nicht das erste Mal, dass in Belgien die höchste Terrorstufe gilt. Nach Angaben des Radiosenders RTBF wurde sie zuletzt im Mai 2014 nach dem Attentat auf das jüdische Museum, bei dem ein Islamist vier Menschen erschoss, für jüdische Einrichtungen ausgerufen.

Am Sonntagnachmittag wurde das Gebäude eines Medienunternehmens in der flämischen Stadt Vilvorde nahe Brüssel evakuiert. Alle Mitarbeiter seien in Sicherheit evakuiert worden, berichtete mehrere belgischen Medien, darunter auch "Le soir", am Sonntag. Demnach durchsuche die Polizei das Gebäude nach Sprengstoff. Zu dem Unternehmen gehört der Fernsehsender VTM.

Ein Bombenalarm in der belgischen Stadt Mechelen stellte sich indes als falsch heraus. Der Bahnhof sei am Nachmittag ebenfalls evakuiert worden, berichtete "Le soir". Der Schienenverkehr war vorübergehend unterbrochen.

Die Schulen in Brüssel könnten am Montag wegen der Terrorgefahr geschlossen bleiben. Die belgische Bildungsministerin Joelle Milquet erklärte laut "Le Soir", dass die Chancen "50 zu 50" stünden. Eine Entscheidung dazu soll es am späten Nachmittag geben. Die Banken bereiten sich indes auf einen deutlich eingeschränkten Schalterbetrieb am Montag vor und wollen ihren Mitarbeitern Telearbeit anbieten.

Milquet erklärte zu Mittag, dass sie in permanentem Kontakt mit den Sicherheitsbehörden stehe, um die Lage zu analysieren. Auch die Universität in Brüssel (ULB) kündigte laut dem Medienbericht an, notfalls am Montag geschlossen zu halten. Die anderen Hochschulen dürften demnach ebenfalls nicht öffnen.

Der Nationale Sicherheitsrat tritt Sonntag um 17.00 Uhr neuerlich zu einer Krisensitzung zusammen. Wenn der höchste Alarmzustand der Stufe 4 aufrechterhalten bleibt, liegt es an der Bildungsministerin und den Bürgermeistern der Brüsseler Gemeinden, eine Entscheidung über die Öffnung oder Schließung ihrer Schulen zu treffen. Dabei geht es um alle Schüler im Alter zwischen sechs und 18 Jahren.

Die Nervosität unter der Bevölkerung zeigte sich Sonntagnachmittag bereits in einer Vielzahl von telefonischen Anfragen an das Krisenzentrum. Am Wochenende hatten allein 3.300 besorgte Menschen die Nummer 1771 angerufen, um sich zu erkundigen, ob es ratsam sei, nach Brüssel zurückzukehren. Sie fürchten, dass sich das Leben nicht normalisieren könnte, und dass es fraglich sei, ob sie arbeiten gehen oder ihre Kinder in die Schule schicken können.