Erstellt am 21. Juli 2015, 15:41

Carnuntum: neue Erkenntnisse zur Wasserversorgung. Die Villa Urbana im rekonstruierten Stadtviertel steht im Fokus eines wissenschaftlichen Grabungsprojektes. Die komplette Freilegung des Südbereichs untersucht Struktur, Bau-, Nutzungs- und Zerstörungsgeschichte des Gebäudes und förderte bereits neue Erkenntnisse zur Wasserversorgung der Zivilstadt zutage.

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Bei der Versorgung von Siedlungen mit Trink- und Nutzwasser lief die römische Ingenieurskunst zur Höchstform auf. Kilometerlange Aquädukte zählen zu den beeindruckendsten Zeugnissen der mediterranen Hochkultur. Die Topographie des antiken Carnuntum bot allerdings nicht die geeigneten Voraussetzungen für den Bau solch großdimensionierter Wasserleitungen.

Die römischen Bewohner richteten deshalb Versorgungsleitungen ein, die auf kleine Grundwasservorkommen im direkten Vorland der Siedlung zugriffen. Aufgrund der geringen Förderleistungen dieser Vorkommen konnten die aus ihnen gespeisten Wasserleitungen jedoch nur einzelne Häuserblöcke der Stadt versorgen, was das dichtmaschige Netz der Carnuntiner Leitungsstränge erklärt.

Wasserzufuhr für die Thermen im
Freilichtmuseum Petronell-Carnuntum

 Die Errichtung der Thermen im Freilichtmuseum Petronell-Carnuntum ab 125 n. Chr. erforderte einen hydrotechnischen Kunstgriff, da damals noch kein übergeordnetes Leitungssystem zur Verfügung stand. Die römischen Ingenieure wussten einen nahe gelegenen Grundwasserstrom für sich zu nutzen, den sie unterirdisch mit einer quer verlaufenden Drainage anschnitten. Diese leitete das Wasser des Grundwasserstroms westwärts zu einem hölzernen Brunnen, von wo es in den Drucktank der Thermen gepumpt und schließlich in den Wasserkreislauf des Bads eingespeist wurde.

Teile der Drainage konnten bereits im Zuge der Thermengrabungen erschlossen werden. Bei den laufenden Grabungen auf dem Gelände der Villa Urbana ist es gelungen, ein kurzes Stück ihrer östlichen Fortsetzung freizulegen. Die Thermen zehrten von ihr bis ins frühe 3. Jh. n. Chr., als größere Wasserleitungen den wartungsauf-wändigen Brunnen ersetzten und dieser zugeschüttet wurde.

Öffentliche Entnahmestelle nördlich
des sogenannten „Valetudinariums“

Die Drainage diente jedoch nicht alleine der Wasserversorgung der Thermen. Eine entlang der Thermen nach Norden verlegte Leitung verlief in einen öffentlich zugänglichen Hof nördlich vom angrenzenden Gebäude, dem sogenannten „Valetudinarium“. In diesem Hof lag ein Schacht, in den die Leitung mündete und ihn mit Wasser versorgte. Diese Einrichtung ging auch nicht außer Gebrauch, als der Thermen-brunnen abgespundet wurde, doch wurde er auf die gegenüberliegende Hofseite verlegt, als im Hof ein Abwasserkanal entstand, der den ursprünglichen Entnahmeschacht querte und damit obsolet machte.

Um die neue Entnahmestelle zu speisen, zapften die Carnuntiner die unter dem Hof liegende Leitung aus dem 2. Jh. an. Ihr Verlauf war ihnen also noch bekannt, obwohl seit ihrer Errichtung schon ein dreiviertel Jahrhundert vergangen war. 
 
Das Erdbeben von 365/70 n. Chr. scheint auch diese Einrichtung massiv in Mitleidenschaft gezogen zu haben, sodass sie aufgegeben und der Entnahmeschacht abgetragen und zugeschüttet wurde. Aus dem daraus gewonnenen Steinmaterial konnten Renovierungsarbeiten am vom Beben beschädigten baulichen Bestand der Siedlung vorgenommen werden. Doch legten auch diese spätantiken Arbeiten die Leitung aus dem 2. Jh. nicht vollständig tot. Ihre unterirdischen Einbauten blieben erhalten und intakt. Noch während der Freilegung in den Jahren 2007 bis 2014 stellte das aus der vom antiken Schutt befreiten Leitung anströmende Grundwasser ein nur unter großen Schwierigkeiten zu bewältigendes Problem für die Grabung dar und lieferte damit gleichzeitig einen anschaulichen Beleg für die Effizienz der antiken Wasserversorgung von Carnuntum.

Grabungsgeschehen für Besucher

Tagesbesucher können die Grabungen bis Saisonende 2015 live vor Ort verfolgen. Zusätzlich werden Kulturvermittler in der jeweils um 14.00 Uhr stattfindenden Themenführung „Archäologie im Freilichtmuseum“ von 8. bis 14. August 2015 aktuelle Forschungsergebnisse miteinbeziehen.
 
Tipp: Die Wasserbecken in den rekonstruierten Römischen Thermen sind zwar für neuzeitliche Thermengäste nicht mehr aktiv nutzbar. Wer aber bei seinem Besuch Lust auf kühlendes Nass bekommen hat, kann an heißen Tagen dem Kulturgenuss Badespaß im nur 30 Autominuten entfernten gelegenen Neusiedlersee folgen lassen. Inhaber der NeusiedlerseeCard erhalten übrigens eine Ermäßigung auf den Eintritt in den Archäologischen Park Carnuntum.

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