Erstellt am 27. Juni 2014, 14:32

von APA Red

Chilenen erster Härtetest für Brasilien. Das erste südamerikanische Gipfeltreffen bei der WM in Brasilien ist ein Treffen alter Bekannter.

Gastgeber Brasilien trifft am Samstag (18.00 Uhr MESZ) wie schon 1998 und 2010 im Achtelfinale auf Chile - und nicht nur Trainer Luiz Felipe Scolari zittert vor den bis in die Haarspitzen motivierten Gegnern. Ein Aus in Belo Horizonte wäre ein Stimmungskiller für die Fußball-Party im Land.

Wer denkt, dass Brasilien kollektiv durchatmete, nachdem Chile und nicht die Niederlande als Achtelfinal-Gegner feststand, ist auf dem Holzweg. Schon bei der WM-Auslosung im Dezember hatte Scolari mit Blick auf den Spielplan gestöhnt: "Hoffentlich kommt Chile nicht weiter. Ich ziehe jedes andere Team vor."

Im Vorfeld der Partie im Estadio Mineirao bekräftigte er diese Einschätzung: "Ich wollte Chile nicht, denn ich kenne Chile und die Schwierigkeiten, die meine Mannschaft mit ihnen hatte. Es wäre besser, gegen eine europäische Mannschaft zu spielen."

Ein nachhaltiges nationales Trauma wie das "Maracanazo" 1950, als die Selecao vor 200.000 Zuschauern in Rio de Janeiro mit einem 1:2 gegen Uruguay den Titel verspielte, würde ein WM-Aus bereits im ersten K.o.-Spiel wohl nicht auslösen. Aber es wäre mit Sicherheit eine ähnlich demütigende Erfahrung. Die Furcht vor einem "Mineirazo" - sie ist in Brasilien zwar nicht allgegenwärtig, aber doch greifbar.

Für den Rekord-Weltmeister ist die Partie jedenfalls der erste echte Härtetest auf dem Weg zum angestrebten sechsten Titel. "Die Mannschaft weiß um den Druck, den sie von jetzt an hat. Wir wissen, dass es eine entscheidende Phase ist", sagte Mittelfeldspieler Luiz Gustavo.

Ihre Gruppe hat die Scolari-Truppe zwar letztlich souverän auf Platz eins beendet, der von allen herbeigesehnte dominante Angriffsfußball blitzte aber nur vereinzelt auf - am deutlichsten noch bei der 4:1-Demontage von Kamerun am Montag.

Chile hat allerdings keine Angst vor dem großen Titelfavoriten - ganz im Gegenteil. "Wir sind zur WM gekommen, um Weltmeister zu werden", tönte Alexis Sanchez vom FC Barcelona. "Brasilien hat eine große Mannschaft mit großartigen Spielern, aber wir sind ganz auf uns konzentriert und darauf, dieses Spiel zu gewinnen", sagte Kapitän und Torwart Claudio Bravo.

"Wenn wir den Weltmeister besiegen können, warum sollten wir nicht auch Brasilien schlagen", spielte Juventus-Antreiber Vidal auf das 2:0 gegen Spanien an. "Diese Mannschaft kämpft wie ein Pitbull."

Er, Sanchez und Bravo gehören zu insgesamt acht Kaderspielern mit einer offenen Rechnung von der WM 2010. In Südafrika hatte Brasilien "La Roja" im Achtelfinale glatt mit 3:0 abgefertigt. 1998 hatte sich die Selecao ebenfalls im Achtelfinale mit 4:1 durchgesetzt. Begonnen hat Chiles Brasilien-Albtraum jedoch schon bei der Heim-WM 1962, als es im Halbfinale eine bittere 2:4-Niederlage setzte.

Der diesjährige WM-Ausrichter hat bisher 48 von 68 Länderspielen gegen die Chilenen gewonnen und nur sieben verloren. Der bisher letzte Sieg Chiles liegt über 13 Jahre zurück. Im vergangenen Jahr gab es in einem Testspiel - ausgerechnet im Estadio Mineirao - aber immerhin ein 2:2 zwischen beiden Teams.

Auch Superstar Neymar stand im April 2013 auf dem Rasen, erzielte den Treffer zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung. Dafür, dass die Geschichte am Samstag anders ausgeht, soll vor allem er verantwortlich zeichnen. "Neymar hat noch gar nicht angefangen zu zeigen, was er kann. Mit seinem Potenzial kann er der Selecao noch viel mehr helfen", sagte Mitspieler Willian über den 22-Jährigen, der wie Lionel Messi und Thomas Müller bei vier WM-Toren hält.

Ein anderer Weg zum Erfolg könnte über ein ganz und gar nicht "brasilianisches" Spielmittel führen. "Wir haben einen Größenvorteil, also könnten Freistöße eine gute Waffe sein", sagte Stürmer Fred, der im Bundesstaat Minas Gerais aufgewachsen ist und in Belo Horizonte einst seine Karriere begonnen hat. Der vielleicht gefährlichste Kopfballspieler im Kader, David Luiz, bekam am Donnerstag im Training einen Schlag auf den Rücken, soll für das Match aber fit sein. Dafür könnte Scolari im Mittelfeld Fernandinho statt Paulinho bringen.

Den meisten Respekt bringen die Brasilianer dem trickreichen Sanchez entgegen. "Ich bewundere ihn sehr", sagte Neymar über seinen Barcelona-Kollegen und engen Freund. "Er ist ein großartiger Spieler, und wir dürfen ihm kein bisschen Platz lassen." Dani Alves, ebenfalls FC Barcelona, sieht auf seiner rechten Abwehrseite schon große Probleme auf sich zukommen: "Da brauchen wir Hilfe, weil er einen ähnlichen Stil hat wie Neymar."