Erstellt am 23. März 2016, 22:16

Drei Brüsseler Selbstmordattentäter identifiziert. Die belgischen Ermittler haben drei Selbstmordattentäter der Brüsseler Anschläge identifiziert. Der Anschlag auf die U-Bahn sei durch Khalid El Bakraoui verübt worden, sagte Staatsanwalt Frederic Van Leeuw am Mittwoch.

Material von Videokameras wird von der Polizei ausgewertet  |  NOEN, BELGIAN FEDERAL POLICE

Sein Bruder Ibrahim und Najim Laachraoui sprengten sich am Flughafen in die Luft. Ungeklärt ist die Identität eines dritten Mannes vom Flughafen, der auf der Flucht ist.

Ibrahim El Bakraoui sei anhand von Fingerabdrücken identifiziert worden, sagte der Staatsanwalt. Er sei am 9. Oktober 1986 in Brüssel geboren worden und belgischer Staatsbürger gewesen. Er hinterließ dem Staatsanwalt zufolge eine Art "Testament", das auf einem Computer in einem Mülleimer im Brüsseler Viertel Schaerbeek gefunden worden sei. In diesem habe er geschrieben: "Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, überall gejagt, nicht mehr sicher." Er habe angegeben, er wolle "nicht in einer Zelle" landen.

Auch sein Bruder Khalid El Bakraoui sei anhand von Fingerabdrücken identifiziert worden, sagte der Staatsanwalt. Er habe sich in der Station Maelbeek im zweiten Wagen der U-Bahn in die Luft gesprengt. Auch er hat die belgische Staatsangehörigkeit und wurde am 12. Jänner 1989 in Brüssel geboren. Beide seien der Polizei wegen zahlreicher Delikte bekannt gewesen, hätten aber nicht unter Terrorismusverdacht gestanden.

Nach Laachraoui wurde seit dem Anschlag gefahndet. Nach Medienberichten war er aber einer der Selbstmordattentäter, die sich am Flughafen in die Luft gesprengt hatten. Der 24-Jährige stammt aus dem Brüsseler Stadtteil Schaerbeek, wo auch ein mutmaßlicher Unterschlupf der Attentäter vom Dienstag ausgehoben wurde.

Der Jihadist soll im Februar 2013 nach Syrien gereist sein. Anfang September 2015 geriet er - mit falscher Identität unter dem Namen Soufiane Kayal - zusammen mit Salah Abdeslam und Mohamed Belkaid in eine Kontrolle an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Laachraouis DNA soll auf Sprengstoff gefunden worden sein, der bei den Anschlägen in Paris verwendet wurde.

Damit ist nur noch die Identität eins Täters offen, der in einer hellen Jacke und mit Hut auf Fahndungsfotos zu sehen ist. Er befindet sich laut Van Leeuw "auf der Flucht". Der Sprengsatz in der von ihm zurückgelassenen Tasche sei der größte gewesen. Er sei erst explodiert, als Sicherheitskräfte ihn kontrolliert sprengen wollten, "weil er so instabil war".

Die Zahl der bei den Brüsseler Terroranschlägen verletzten Menschen ist unterdessen erneut nach oben korrigiert worden. Nach am Mittwochabend veröffentlichten Zahlen erlitten nicht 270, sondern 300 Personen leichte oder schwere Verletzungen. Die Hälfte von ihnen lag am Mittwoch noch in Krankenhäusern, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. 61 Menschen mussten demnach auf einer Intensivstation behandelt werden. Die Zahl der Todesopfer liege unverändert bei 31, hieß es.

Der Anstieg der Zahl wurde unter anderem damit erklärt, dass eine Reihe von Verletzten infolge der Explosionen unter Hörproblemen litten. Sie meldeten sich teilweise erst mit Verspätung in den Krankenhäusern.

Bei den Schwerverletzten handelt es sich den Angaben zufolge meist um Menschen, die durch die Explosionen Verbrennungen erlitten und von Metallteilen in den Bomben getroffen wurden. Letztere hätten "Kriegsverletzungen" verursacht, teilte das Ministerium mit.

In ganz Brüssel hatten am Mittwochmittag tausende Menschen mit einer Schweigeminute der Opfer der Anschläge gedacht. An der zentralen Gedenkstätte auf dem Börsenplatz im Brüsseler Stadtzentrum versammelten sich etwa 3.000 Menschen, darunter Bürgermeister Yvan Mayeur sowie die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo. Auf den Boden waren zahlreiche Beileids- und Solidaritätsbekundungen mit bunter Kreide geschrieben worden. Worte wie "Solidarität" und "Wir sind eins" waren zu lesen. Tausende kamen auch vor dem Gebäude der EU-Kommission zusammen; im Inneren nahmen neben den Mitgliedern der EU-Kommission auch Belgiens König Philippe mit Königin Mathilde sowie der belgische Premierminister Charles Michel an der Schweigeminute teil. Anschließend besuchte das Königspaar den Anschlagsort am Flughafen von Brüssel.

Bundespräsident Heinz Fischer drückte dem belgischen König Philippe in einem Telefongespräch die Anteilnahme Österreichs aus. "Österreich steht voll und ganz und uneingeschränkt auf der Seite Belgiens und fühlt sich in diesen Stunden und Tagen mit diesem eng befreundeten Land besonders verbunden", sagte der Bundespräsident laut Aussendung. Der Bundespräsident wollte sich später am Mittwoch auch in ein in der belgischen Botschaft aufgelegtes Kondolenzbuch eintragen.

Der französische Premier Manuel Valls verlangte nach den Brüsseler Terroranschlägen eine entschlossene Reaktion der EU. "Ein Krieg wird gegen uns geführt", sagte Valls nach einem Treffen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker am Mittwoch in Brüssel. "Europa sieht sich einer großen Terrorgefahr gegenüber."

Wenig später übte EU-Migrations- und -Innenkommissar Dimitris Avramopolous scharfe Kritik an den EU-Staaten. "Wenn wir alles, was wir im Vorjahr beschlossen haben, voll umgesetzt hätten, hätte wir der Situation effizienter begegnen können", sagte Avramoulos am Mittwoch in Brüssel. Auch Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) forderte gegenüber dem "Ö1-Morgenjournal" eine "Intensivierung und Verbesserung" der Zusammenarbeit der europäischen Geheimdienste gefordert. Es gebe hier ein "massives Manko".

Der Flughafen Zaventem bleibt unterdessen bis einschließlich Freitag weitgehend geschlossen. Passagierflüge sollten weiterhin nicht stattfinden, teilte der Flughafen am Mittwoch mit. Ein eingeschränkter Betrieb für Frachtflüge und bestimmte Privatflüge sollte hingegen schon am Mittwochabend wieder beginnen.

Wegen ausfallender Flüge hatten etwa 1.500 Passagiere die Nacht in Behelfsunterkünften verbracht. Sie seien unter anderem in einer Sporthalle in dem Ort Haasrode sowie einer Turnhalle in Zaventem nahe des Flughafens untergekommen, erklärte Provinzgouverneur Lodewijk De Witte. Auch die Brüsseler Hotels wollen weiter Gratis-Unterkünfte für die Betroffenen der Terroranschläge anbieten, wie Rodolphe Van Weyenbergh, Sprecher der Brüsseler Hotel-Vereinigung (BHA), sagte.