Erstellt am 29. Juni 2015, 18:22

von APA/Red

Erste Festnahmen nach Anschlag in Tunesien. Nach dem Anschlag auf ein Strandhotel mit 38 Toten hat es in Tunesien erste Festnahmen gegeben.

 |  NOEN, APA (epa)

"Eine bedeutende Anzahl von Menschen aus dem Netzwerk" hinter dem Attentäter sei gefasst worden, teilte der tunesische Innenminister Mohammad Najem Gharsalli am Montag mit. Unter den Toten befindet sich ein zweites deutsches Opfer, wie das deutsche Außenministerium inzwischen mitteilte.

Die Innenminister Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs demonstrierten zusammen mit Gharsalli am Anschlagsort ihre Entschlossenheit im Kampf gegen gewaltbereite Islamisten. Zu dem Anschlag am Freitag an einem Strand in Port El Kantaoui nahe der tunesischen Stadt Sousse hat sich die Extremistenorganisation "Islamischer Staat" bekannt. Als Attentäter haben die tunesischen Behörden den 23-jährigen tunesischen Studenten Seif Rezgui identifiziert, der von der Polizei erschossen wurde.

Auf ausländische Touristen geschossen

Rezgui hatte im Hotel und am Strand mit einer Kalaschnikow auf vor allem ausländische Touristen geschossen. Wie lange der Attentäter wüten könnte, bevor ihn die Polizei getötet hat, ist unklar. In einigen Agenturberichten ist die Rede von rund fünf Minuten. In anderen Quellen heißt es unter Berufung auf Augenzeugen, dass der Angreifer zwischen 30 und 40 Minuten Zeit gehabt hat, um seine Opfer zu töten. Daher wurde Kritik laut, dass die Polizei den Attentäter nicht früher stoppte. Das Innenministerium wollte auf eine entsprechende Anfrage zunächst nicht regieren und verwies auf laufende Ermittlungen.

Inzwischen tauchte auch ein Amateur-Video auf, das den Attentäter während der Bluttat zeigt. In den sozialen Online-Netzwerken wurde das Video am Montag verbreitet, das Rezgui zeigt, wie er langsam an leblosen Körpern vorbei den Strand entlang läuft. Auf dem elf Minuten langen Video, das von einem Tunesier mit seinem Handy aufgenommen worden war, sind auch Schüsse zu hören.

Vorwürfe gegen das Sicherheitsservice des Hotels

Am Wochenende hatte Gharsalli schwere Vorwürfe gegen das Sicherheitsservice des Hotels erhoben: Es habe nicht sofort die Polizei informiert. Durch eine bessere Koordination der Sicherheitskräfte hätte der Angreifer früher getötet werden können, sagte der Innenminister dem Radiosender Mosaique FM.

"Eine erste Gruppe" von mutmaßlichen Unterstützern des Attentäters sei festgenommen worden, sagte Gharsalli am Montag. Angaben zur genauen Zahl oder ihre Zugehörigkeit zu einer Organisation machte er nicht. Die Behörden prüften zudem, ob Rezgui in libyschen Jihad-Camps ausgebildet worden sei. Gharsalli versprach den Opfern und ihren Angehörigen, dass die Täter vor Gericht gestellt würden. Bereits am Sonntag hatte Gharsalli erklärt, Tunesien wolle mit harter Hand gegen Terroristen vorgehen und 1.000 zusätzliche Sicherheitskräfte zum Schutz von Urlaubern einsetzen.

38 Todesopfer forderte der Anschlag

Unter den 38 Todesopfern sind vor allem Briten. Die britische Regierung bestätigte den Tod von 18 Landsleuten, am Ende könne die Zahl "um die 30" betragen. Österreicher sind laut Außenministerium nicht unter den Todesopfern oder unter den Verletzten. Die Zahl der deutschen Todesopfer stieg auf zwei, wie das deutsche Auswärtige Amt mitteilte. Zur Identität des zweiten deutschen Todesopfers gab es zunächst keine Angaben. Ein Sprecher gab auch keine Auskunft darüber, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.

Der Sprecher sagte nur: "Es gibt gegenwärtig keine Hinweise auf weitere deutsche Opfer. Da nach unserem Kenntnisstand die Identifizierung aller Opfer noch nicht abgeschlossen ist, können wir dies aber auch noch nicht völlig ausschließen." Die Identifizierungen dauerten aber noch an, erklärte ein Ministeriumssprecher.

Die britische Regierung schickte eine Militärmaschine, um die Toten und die 25 britischen Verletzten zurück in ihre Heimat zu fliegen. Insgesamt waren 39 Menschen verletzt worden.

"Unerschütterliche Entschlossenheit" im Kampf gegen gewaltbereite Islamisten

Der britische Premierminister David Cameron kündigte "unerschütterliche Entschlossenheit" im Kampf gegen gewaltbereite Islamisten an. In der Zeitung "Daily Telegraph" schrieb er, der Westen müsse "intoleranter gegenüber Intoleranz" sein und dürfe das Dulden islamistischer Einstellungen nicht hinnehmen. Er rief auch dazu auf, die Wurzeln des IS in Syrien, im Irak und Libyen zu bekämpfen.

Bei ihrem Besuch am Anschlagsort machten die Innenminister ihren Zusammenhalt im Kampf gegen gewaltbereite Islamisten deutlich. Deutschland und Großbritannien wollen ihre Reiseempfehlungen in den nächsten Tagen gemeinsam überarbeiten.

Nach dem Anschlag hatten tausende Touristen fluchtartig das Land verlassen. Tunesiens Tourismussektor, der direkt oder indirekt 400.000 Menschen beschäftigt und sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, droht nun der Zusammenbruch. Auf der Ferieninsel Djerba versammelten sich Touristen hingegen zu einer Solidaritätskundgebung. Am Anschlagsort legten Einheimische und Urlauber Blumen nieder.

Ab dem 1. Juli sollen nun tausend bewaffnete Polizeibeamte zur Verstärkung der Tourismuspolizei außerhalb von Hotels, an Stränden und archäologischen Stätten eingesetzt werden, wie das Tourismusministerium in Tunis mitteilte. Erstmals sollen auch die Beamten der Tourismuspolizei bewaffnet patrouillieren.