Erstellt am 03. Juli 2014, 13:21

von APA/Red

Erster Tag im Wettlesen um Bachmann-Preis 2014. Mit Roman Marchel hat am Donnerstag der erste Tag des Wettlesens um den Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater begonnen.

Er erntete fast einstimmiges Lob für seine Erzählung. Kerstin Preiwuß hingegen musste teils heftige Kritik einstecken. Den Vormittag beschloss Tobias Sommer, der nicht wirklich überzeugen konnte.

In "Die fröhlichen Pferde von Chauvet" des Grazers Roman Marchel geht es um das Altern, um die Pflege und den Verlust von Angehörigen. Mit großer Feinfühligkeit zeichnet der Autor das Bild der alten Hermine Grundner, die für ihren Kater und ihren pflegebedürftigen Ehemann sorgt und das ihrer Tochter, die Ärztin und Witwe ist. Die beiden Frauen sind gleichwertige Protagonistinnen, deren Schicksal eng mit dem Mann bzw. Vater verknüpft ist. Am Ende erstickt Hermine Grundner ihren Mann, der in seinem Bett trotz Spritzen vor Schmerzen schreit.

Die Jurydiskussion verlief ausgesprochen lebhaft, das war auch Hubert Winkels geschuldet, den der Text fatal an Michael Hanekes "Liebe" erinnerte, vor allem im Aufbau und der Dramaturgie, er kritisierte eine "Überinstrumentierung". Er fand bei seinen Kollegen dafür allerdings einhellige Ablehnung. Daniela Strigl befand, die Geschichte sei von Understatement geprägt. Hildegard Keller und Meike Feßmann fanden viel Lob. Juri Steiner stellte fest, es sei eine "grandiose Mutter-Tochter-Geschichte". Arno Dusini, der neue Juror, sah einen "ganz wunderbaren Text".

Lob und Kritik von der Jury

Kerstin Preiwuß las anschließend eine Erzählung, in der die Protagonistin Angst vor Hunden hat, sich an ihren Vater erinnert, der in der Nazizeit offenbar Funktionär gewesen war. Dieser hatte Nerze gezüchtet, und die Zuhörer erfuhren zahlreiche Details über Haltung, Vermehrung und Tötung dieser Tiere und über die Sorgen und Nöte des Vaters in der ehemaligen DDR.

Strigl sah den Text mit einer Hypothek belastet, "nämlich den NS-Vater", die Nerzfarm sei ein KZ, die Tiere würden vergast, "das ist einfach aufdringlich". Winkels teilte die Bedenken Strigls, Keller wiederum spendete Lob für den virtuosen Umgang mit der Sprache. Feßmann, die Preiwuß vorgeschlagen hat, konnte die Kritik naturgemäß nicht teilen. Dusini sah einen sehr gut aufgebauten Text, er habe aber "schwere Bedenken". Spinnen stieß sich am Bild des "literarischen Nerzes", dessen Funktion im Text ihm nur allzu bekannt sei.

"Unentschiedenheiten" des Autors

Den Vormittag beschloss Tobias Sommer mit dem Text "Steuerstrafakte", in dem ein Autor zum Finanzamt zitiert wird, aber nicht weiß, warum. Er setzt sich auf den Sessel des Finanzbeamten, als dieser den Raum verlässt, um Unterlagen zu kopieren. Es ist eine leichte, lockere, auch selbstironische Erzählung, die das Klima in einer solchen Behörde präzis beschreibt. Was Wunder, ist Sommer doch im Brotberuf Finanzbeamter.

Juri Steiner, der Sommer vorgeschlagen hat, sah eine Doppelfigur, den Prüfer und den Geprüften, die sich mit der Zeit vermischen. Für Feßmann war es eine "Amtsstubenposse", fast eine Art Kasperltheater. Strigl stellte die Frage, warum man sogar bei Kafka lachen könne, bei diesem Text aber nicht. Spinnen ortete eine Reihe von "Unentschiedenheiten" des Autors, er begreife vieles einfach nicht.

Am Nachmittag kommen Gertraud Klemm und Olga Flor an der Reihe.