Erstellt am 20. Juli 2014, 08:29

von APA/Red

Experten auf dem Weg zum Absturzort. Vor dem Eintreffen ausländischer Luftfahrtexperten herrschen an der Absturzstelle von Flug MH17 in der Ostukraine chaotische Zustände.

Bewaffnete und teils maskierte Separatisten behinderten die Arbeit der OSZE-Mission östlich von Donezk, so deren Sprecher Michael Bociurkiw am Samstagabend zu CNN. Nach dem mutmaßlichen Abschuss des malaysischen Passagierjets erhöht der Westen den Druck auf Russland.

Prorussische Rebellen stehen im Verdacht, das Flugzeug der Malaysia Airlines mit 298 Menschen an Bord am Donnerstag in rund 10.000 Meter Höhe mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen zu haben. An diesem Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Samstag in Kiew gelandet.

"Es gibt keine Absperrung, jeder kann da rein"

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Die meisten der 298 Passagiere an Bord von Flug MH17 waren Niederländer. Etwa 100 Tote wurden bisher nicht geborgen. Ihre Leichen dürften in einem Umkreis von vielen Kilometern verstreut liegen. Es besteht die große Sorge, dass es den beteiligten Kräften in der Ostukraine gelingen könnte, eine Aufklärung der Katastrophe zu verhindern und Täter ihrer Strafe entgehen könnten.

"Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren", kritisierte OSZE-Sprecher Bociurkiw. Die Militär-Experten der OSZE-Mission halten sich seit Monaten im Osten der Ukraine auf, um die Gefechte zwischen Rebellen und ukrainischer Armee zu dokumentieren.

Schärferer Ton gegenüber Russland

Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sagte am Samstag, er habe mit Russlands Staatschef Wladimir Putin ein "sehr intensives Gespräch"über den Absturz der Maschine mit vorwiegend niederländischen Insassen geführt. Auch viele weitere westliche Staaten verschärften den Ton.

Rutte sagte, er habe Putin deutlich gemacht, dass Moskau "jetzt die Verantwortung gegenüber den Rebellen tragen muss". "Ich habe ihm gesagt, dass er der Welt zeigen muss, dass er helfen will", ergänzte er. Der Regierungschef zeigte sich zudem "schockiert"über Bilder von "schamlosen" prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls "schockiert" und "empört"über den Umgang mit den Leichen. Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mit Hilfe Russlands "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören" zu wollen.

Flugschreiber weiterhin verschwunden

Unklar ist am Absturzort der Boeing auch der Verbleib der beiden Flugschreiber. Die Regierung in Kiew warf den prorussischen Separatisten vor, Beweismaterial zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen. Die Separatisten versuchten, "Beweise ihrer Mitwirkung an dem Unglück vertuschen". Zudem hätten die militanten Gruppen 38 Leichen von der Absturzstelle in die Großstadt Donezk gebracht. Die Separatisten wiesen alle gegen sie gerichteten Vorwürfe zurück.

Die Hintergründe der Katastrophe sind weiter unklar. Nach Angaben von US-Präsident Barack Obama sind dafür sehr wahrscheinlich die moskautreuen Kräfte verantwortlich. Die Boden-Luft-Rakete, die das Flugzeug abgeschossen habe, sei aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden, sagte Obama am Freitag.

Russland hält Berichte für "voreilig"

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, hatte eine Verstrickung Russlands in den Abschuss von Flug MH17 angedeutet. "Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat", sagte sie bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York.

Die russische Führung wies jegliche Verantwortung von sich und kritisierte Berichte über einen angeblichen Abschuss der Maschine als "voreilig". Damit sollten offenbar Ermittler beeinflusst werden, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

Von mehr als 100 Absturzopfern fehlte auch zwei Tage nach dem Unglück weiter jede Spur. Bisher seien 186 Leichen geborgen worden, teilte der staatliche ukrainische Rettungsdienst am Samstag mit. Die Suche nach den übrigen Opfern gestalte sich sehr schwierig, da die Wrackteile über etwa 25 Quadratkilometer verstreut seien.