Erstellt am 01. Oktober 2015, 11:38

von APA/Red

Afghanische Armee erobert Kunduz zurück. Die afghanische Armee hat nach Angaben von Regierungsvertretern Kunduz von den radikalislamischen Taliban zurückerobert. Die nordafghanische Provinzhauptstadt sei bei einem "Spezialeinsatz" in der Nacht auf Donnerstag befreit worden, erklärte Vize-Innenminister Ayub Salangi.

Afghanische Sicherheitskräfte auf dem Vormarsch  |  NOEN, APA (epa)

Ein Taliban-Sprecher widersprach den Angaben. Bewohner von Kunduz berichteten, in einigen Stadtteilen werde noch gekämpft.

"Spezialkräfte kontrollieren jetzt die Stadt Kunduz", schrieb der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Taliban hätten bei den heftigen nächtlichen Kämpfen "schwere Verluste erlitten". Nun werde Kunduz von "Terroristen gereinigt", schrieb der Sprecher.

Die Islamisten seien am Donnerstag in den frühen Morgenstunden nach heftigen Kämpfen aus der strategisch wichtigen Stadt im Norden des Landes vertrieben worden, teilte auch der stellvertretende Gouverneur der Provinz Kunduz, Hamdullah Danishi, mit. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des Verteidigungsministeriums: "Die Taliban haben jetzt die Stadt Kunduz verlassen." Der Militärschlag habe am Mittwoch um 23.00 Uhr (Ortszeit) begonnen und sei am Donnerstag um 04.00 Uhr beendet worden. Informationen über Opfer unter Zivilisten lagen zunächst nicht vor.

Ein Taliban-Sprecher widersprach den Angaben. "Unsere Kräfte haben sich nicht zurückgezogen, wir haben die Stadt immer noch unter Kontrolle", sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid am Donnerstag. "Letzte Nacht sind afghanische Sicherheitskräfte gemeinsam mit Amerikanern für eine halbe Stunde in die Stadt gekommen." Nach schweren Gefechten hätten sich die Sicherheitskräfte wieder zurückgezogen.

Mehrere Bewohner der Stadt berichteten von nächtlichen Bombardements und Leichen von Taliban-Kämpfern. Die Taliban-Flagge soll von afghanischen Soldaten durch die offizielle afghanische Flagge ersetzt worden sein. In manchen Teilen der Stadt wird laut Bewohner aber noch gekämpft.

Die fundamentalistischen Taliban hatten Kunduz am Montag mit etwa 2.000 Kämpfern eingenommen, dabei stießen sie kaum auf Gegenwehr. Am folgenden Tag startete die Armee eine Gegenoffensive. Am Mittwoch bekam sie Unterstützung von der NATO. Spezialkräfte trafen nach Angaben des westlichen Militärbündnisses in Kunduz ein, um die Regierungstruppen zu beraten. Eigene Verstärkung für die afghanische Armee traf nur langsam in Kunduz ein. Die Taliban hätten Landminen und Sprengfallen um Kunduz versteckt, sagte ein Vertreter der Sicherheitskräfte zur Begründung.

Nach Angaben von Sicherheitsvertretern hatten die Taliban Kunduz während des muslimischen Opferfests Eid al-Adha langsam infiltriert und dann einen Überraschungsangriff von innen heraus gestartet. So hätten die Taliban Kunduz am Montag binnen weniger Stunden einnehmen können. Die Offensive der Islamisten hatte nach UNO-Angaben bis zu 6.000 Zivilisten in die Flucht getrieben.

Die Taliban hatten bei ihrem Einfall in Kunduz Hunderte Häftlinge befreit, Regierungs- und Mediengebäude in Brand gesetzt und ihre Flaggen gehisst. Sie erbeuteten Panzer und andere Fahrzeuge, riefen "Allahu Akbar" und erklärten die Einführung des islamischen Scharia-Rechts, wie in Videoaufnahmen zu sehen war. Die Einnahme von Kunduz war der erste derartige Erfolg der Taliban seit ihrer Entmachtung im Jahr 2001.

Dieser militärische Erfolg der Taliban in Kunduz sowie in benachbarten Provinzen machte das Erstarken der islamistischen Aufständischen im Norden Afghanistans deutlich. Es verstärkte die Zweifel an der Fähigkeit der Armee und der Polizei des Landes, selbst für Sicherheit zu sorgen. Auch das Vorhaben der USA, nächstes Jahr fast alle ihre verbliebenen Soldaten aus Afghanistan abzuziehen, wurde erneut in Zweifel gezogen.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bekräftigte am Mittwoch ihre Forderung, den Abzug der internationalen Truppen von der Sicherheitslage abhängig zu machen. Sie wolle dabei "nicht um wenige Wochen und Monate feilschen". Rund 13.000 ausländische Soldaten sind nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes in Afghanistan Ende vergangenen Jahres weiterhin an Ort und Stelle, um die einheimischen Streitkräfte zu beraten und auszubilden. Dazu zählen auch Bundeswehr-Soldaten.