Erstellt am 04. September 2014, 14:51

EZB senkt Leitzins auf 0,05 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im Euroraum überraschend auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt.

Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems lag seit Juni bei 0,15 Prozent. Zusätzlich beschloss die EZB den Aufkauf von Unternehmenskrediten - sogenannten ABS-Papieren, um den Markt mit mehr Geld zu versorgen und die Konjunktur in der Eurozone anzukurbeln.

Sorge wegen Deflationsspirale

Damit reagieren die Währungshüter auf die schwache Konjunktur im Euroraum - und auf die sehr niedrige Inflation, die im August auf 0,3 Prozent gefallen ist - den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Der Wert liegt seit Monaten deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter zwei Prozent.

Seit Monaten steht die Sorge im Raum, dass daraus eine gefährliche Deflationsspirale aus Preisverfall und schrumpfender Wirtschaftsleistung entstehen kann. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen in der Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die ohnehin fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

Der Konjunkturpessimismus ist auch infolge der Russland-Ukraine-Krise gewachsen. Schon im Frühjahr hatte die Wirtschaftsleistung der Länder in der Eurozone stagniert. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das stärkt den Preisauftrieb.

EZB bleibt auf Krisenkurs

Die meisten Volkswirte hatten vorerst keine weiteren Gegenmaßnahmen der EZB erwartet. Denn noch im September startet ein neues Kreditangebot für Banken. Dies soll die Kreditvergabe ankurbeln und gemeinsam mit den Zinsschritten vom Juni die Konjunktur in Schwung bringen. Dann würden auch die Preise wieder kräftiger steigen.

Allerdings hatte EZB-Präsident Mario Draghi zuletzt beim Notenbanker-Treffen im amerikanischen Jackson Hole vor sinkenden Inflationserwartungen gewarnt. In seiner viel beachteten Rede machte er deutlich, dass der EZB-Rat die Inflationserwartungen sehr genau beobachten und notfalls innerhalb seines Mandats alle verfügbaren Instrumente nutzen werde, um die Preisstabilität mittelfristig zu garantieren. Im Gespräch ist der Kauf von Kreditverbriefungen (ABS-Papiere). Auch breit angelegte Anleihenkäufe (QE) sind nach Meinung vieler Ökonomen wieder wahrscheinlicher geworden.

Experten sind überzeugt, dass sich die Geldpolitik der EZB in den kommenden Monaten immer weiter von der ihrer US-Kollegen der Fed entfernen wird. Denn die US-Wirtschaft läuft wieder runder, sodass die Fed den Ausstieg aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik einläuten konnte. Auch eine Zinswende deutet sich bereits an. Hingegen bleibt neben der EZB auch die Zentralbank von Japan auf Krisenkurs. Sie kauft unvermindert weiter Wertpapiere zur Stützung der Wirtschaft, wie die Währungshüter am Donnerstag einstimmig in Tokio beschlossen.

„Das optimistische mittelfristige Konjunkturbild zerbröselt"

Am Nachmittag wollte Draghi zudem die neue EZB-Prognose zur Preis-und Konjunkturentwicklung im Euroraum vorlegen. Im Juni hatte die Notenbank für 2014 eine Jahresteuerung von 0,7 Prozent, für 2015 von 1,1 Prozent und für 2016 von 1,4 Prozent vorhergesagt. Zudem traute die EZB der Eurozone im Juni noch ein Wachstum von 1,0 Prozent im laufenden Jahr, von 1,7 Prozent 2015 und von 1,8 Prozent im Jahr 2016 zu.

Beobachter erwarten nun Korrekturen nach unten. „Das optimistische mittelfristige Konjunkturbild der EZB zerbröselt", sagte etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Das Institut hatte seine Wachstumsprognose für den Euroraum für 2015 kürzlich auf 0,9 Prozent gesenkt.