Erstellt am 25. Mai 2015, 11:45

von APA/Red

Goldene Palme für Flüchtlings-Drama "Dheepan". Manchmal vermischen sich die Bilder aus der Realität mit denen aus dem Kino. So wie beim Drama "Dheepan" des Franzosen Jacques Audiard. Sein Protagonist flieht vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat nach Frankreich.

Die Cannes-Jury unter Vorsitz der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen  |  NOEN, APA (epa)

Doch dann landet er irgendwo am Rand von Paris, vom Rest der Gesellschaft isoliert. Dafür gab es gestern, Sonntag, Abend die Goldene Palme des Filmfestivals Cannes.

Parallelen zu aktuellen Nachrichten und Missständen

Audiards Bilder von vergessenen Flüchtlingen und brennenden Hochhaussiedlungen erinnern dabei stark an aktuelle Nachrichten und werfen ein Schlaglicht auf drängende gesellschaftliche Missstände - dafür gewann der Regisseur beim Festival Cannes nun auch die Goldene Palme.

Sichtlich bewegt nahm der 63-Jährige die Auszeichnung entgegen. Zuvor hatte er immer wieder betont, in seinem Film solle nicht die Gewalt im Mittelpunkt stehen, sondern die zarte Liebesgeschichte. Dennoch zeigt er in "Dheepan" eine eigene, sehr gewalttätige Welt mitten in unserer westlichen Gesellschaft. Da sind sich die Menschen selbst überlassen, da herrschen eigene Regeln und Gesetze.

Wenn sich der Flüchtling Dheepan dann schließlich verzweifelt gegen die Gang-Gewalt zur Wehr setzt, verschwimmen die Bilder mit denen zu Beginn: vom Bürgerkrieg aus Dheepans Heimat Sri Lanka. Das wird umso eindringlicher, da Hauptdarsteller Jesuthasan Antonythasan doch einst selbst aus Sri Lanka nach Frankreich flüchtete.

Audiard: "Wollte Realität nicht per se abbilden"

"Ich wollte die Realität nicht per se abbilden", betonte Audiard (63) in Cannes. "Die Gewalt sollte eher im Hintergrund bleiben." Er habe vielmehr die verschiedenen Facetten Frankreichs darstellen wollen - dazu gehörten eben auch die Sozialbauten in den Vororten. Der Regisseur war 2009 in Cannes für sein Gefängnisdrama "Ein Prophet" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden.

Audiards größter Konkurrent auf die Goldene Palme war Laszlo Nemes, Protege der ungarischen Regielegende Bela Tarr. Dem jungen Regisseur (Jahrgang 1977) gelang mit "Son of Saul" ein bemerkenswertes Debüt über den Horror im Konzentrationslager Auschwitz.

Seine Kamera ist immer nah dran an dem Juden Saul, der durch das Nazi-Vernichtungslager hetzt. Einen solchen Einblick in ein KZ hat es noch nicht gegeben - völlig zu Recht stand dafür am Ende der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals.

Überhaupt ehrte die Jury um die Regie-Brüder Ethan und Joel Coen ("Inside Llewyn Davis") viele Filmschaffende der jüngeren Generation. Zwar waren in dieser Festivalausgabe wieder Cannes-Veteranen wie der US-Amerikaner Gus Van Sant oder Nanni Moretti aus Italien vertreten. Viele besonders starke Akzente in diesem konstant starken Wettbewerb voller Filme um Einzelschicksale setzen dann aber jüngere Talente.

So wie etwa der Grieche Yorgos Lanthimos (Jahrgang 1973), der für seine Zukunftsdystopie "The Lobster" mit Colin Farrell und Rachel Weisz den Preis der Jury gewann. Oder die 30-jährige Rooney Mara, die in "Carol" des US-Amerikaners Todd Haynes als junge Geliebte von Cate Blanchett überzeugte und als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.

Drei Auszeichnungen für Frankreich 

Was ebenfalls auffiel, waren die vielen Preise für Frankreich: Neben Audiard zeichnete die Jury noch Vincent Lindon als besten Darsteller für seine Rolle eines Langzeitarbeitslosen in "La loi du marche" aus. Und da der Preis bei den Frauen zwei Mal - zu gleichen Teilen - vergeben wurde, gewann noch Emmanuelle Bercot für ihr Spiel einer unterdrückten Ehefrau in "Mon roi" als beste Darstellerin.

Drei Auszeichnungen für Frankreich - da konnten viele nicht verstehen, warum etwa Paolo Sorrentino wieder leer ausging. Schon 2013 hatte der Italiener für seinen späteren Oscargewinner "La Grande Bellezza - Die große Schönheit" keinen Preis in Cannes bekommen. Nun gab es für seinen melancholischen Bilderrausch "Youth" mit einem berührenden Michael Caine erneut nichts. So nachvollziehbar die meisten Juryentscheidungen auch waren: Allen wird so eine Preisverleihung eben auch nicht gerecht.