Erstellt am 22. August 2015, 16:20

von APA Red

Flüchtlinge durchbrachen Grenze nach Mazedonien. Hunderte Flüchtlinge sind am Samstag trotz verschärfter Sicherheitsvorkehrungen nach Mazedonien vorgedrungen.

 |  NOEN, APA (epa)

Sie durchbrachen am Nachmittag die mit Stacheldraht gesicherten Grenzabsperrungen und stürmten auf mazedonisches Staatsgebiet, wie ein AFP-Reporter berichtete. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete sogar von Tausenden, die in die frühere jugoslawische Teilrepublik eingedrungen seien.

Die Polizei setzte am Samstagnachmittag Blendgranaten ein, um die Flüchtlinge zurückzudrängen. Trotzdem gelang es Hunderten mehrheitlich aus Syrien stammenden Flüchtlingen, die Grenzanlagen zu überrennen.

Nachdem Mazedonien am Donnerstag seine Grenze zu Griechenland weitgehend abgeriegelt hatte, verbrachten die Nacht zum Samstag etwa 2.000 Flüchtlinge im Grenzgebiet zwischen Mazedonien und Griechenland im Regen, viele von ihnen unter freiem Himmel. Einige Flüchtlinge konnten sich zum Schutz vor dem Regen und den niedrigen Temperaturen in kleine Zelte im Niemandsland zwischen dem griechischen Dorf Idomeni und der mazedonischen Stadt Gevgelija zurückziehen.

Am Samstag waren erschöpfte Flüchtlinge zu sehen, die zwischen Müllhaufen umherliefen und zur mazedonischen Grenze schauten, wo seit Donnerstag Spezialeinheiten der Polizei patrouillieren. In der Nacht verstärkte die Polizei den Stacheldraht an der Grenze. Zudem wurden Soldaten entsandt, um den Grenzabschnitt abzusichern, wie das mazedonische Militär mitteilte.

Flüchtlinge riefen: "Helft uns!" Kinder weinten. Der 49-jährige Arzt Samer Moin aus Syrien berichtete, viele Flüchtlinge hätten sich in der Nacht nicht vor dem Regen schützen können. "Eine Mutter hat ihre Tochter verloren und die ganze Nacht geschrien", berichtete der Syrer. "Ich bin seit Tagen hier, ich will nach Norwegen."

Hunderte weitere Flüchtlinge trafen am Samstagmorgen in dem Grenzort Idomeni ein. "Es gibt keine Zukunft in Syrien", sagte der 22-jährige Englischlehrer Mustafa Saieb. Er wolle nach Deutschland weiterreisen, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen.

Mazedonien hatte am Donnerstag den Ausnahmezustand ausgerufen und die Grenze zu Griechenland praktisch abgeriegelt, nachdem dort in den vergangenen Wochen täglich mehr als tausend Flüchtlinge ins Land gekommen waren. Am Freitag setzte die Polizei Blendgranaten und Schlagstöcke gegen Flüchtlinge ein, mindestens acht Menschen wurden verletzt.

Am Freitagabend wurde die Grenze dann für mehrere hundert "verletzliche" Flüchtlinge wie Familien mit Kindern oder schwangere Frauen geöffnet, die mit einem Zug Richtung Norden gebracht wurden. Am Samstagmorgen ließ die Polizei erneut Gruppen von mehreren Dutzend Menschen über die Grenze. Am Bahnhof von Gevgelija warteten weiterhin hunderte Flüchtlinge auf fünf Züge, die dort am Samstag abfahren sollten.

Schwarzmarkthändler verkauften Flüchtlingen in Gevgelija laut Medien Waren zu völlig überteuerten Preisen. So müssten die Menschen am Bahnhof für einen Sechserpack Wasser zehn Euro berappen, fünfeinhalb Mal mehr als üblicherweise, meldete das mazedonische Nachrichtenportal Plus Info am Samstag. Ein Schokoriegel, der für gewöhnlich nicht mehr als einen Euro koste, werde für fünf Euro angeboten, hieß es weiter. Ein Kilo Bananen koste knapp neun Euro.

Gevgelije liegt unmittelbar hinter der Grenze zu Griechenland. Von dort versuchen die Flüchtlinge, in einen der Züge Richtung Serbien und dann weiter in die EU zu gelangen. Mazedonien hatte wegen der Lage an seinen Grenzen zu Griechenland und Serbien am Donnerstag den Notstand erklärt und den Übergang an einer Hauptroute blockiert. Die Regierung rechtfertigt ihr Vorgehen damit, den Flüchtlingszustrom besser bewältigen und die Sicherheit an der Grenze erhöhen zu wollen. Zudem sollte Gevgelije entlastet werden.

Nach Angaben der Regierung in Skopje überquerten seit Mitte Juni 42.000 Flüchtlinge, darunter mehr als 7.000 Kinder, die mazedonische Grenze. In Griechenland trafen seit Jahresbeginn mehr als 160.000 Flüchtlinge ein. Ziel der meisten Migranten sind reichere EU-Länder wie Deutschland, Österreich oder Schweden. UNO-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres rief die Europäische Union am Samstag zu mehr Unterstützung für von der Flüchtlingskrise "überlasteten Länder wie Griechenland, Mazedonien und Serbien" auf.

Laut einem Bericht der Zeitung "Die Welt" erwägt Brüssel, Griechenland kurzfristig stärker als bisher geplant zu entlasten. Bisherige Planungen sehen vor, 16.000 Flüchtlinge aus Griechenland und 24.000 weitere aus Italien in andere EU-Länder zu bringen. "Das reicht nicht mehr", hieß es nach Angaben der Zeitung aus EU-Kreisen. Es sei "dringend erforderlich, die Zahlen für Griechenland aufzustocken".

Eine größere Gruppe von Flüchtlingen kam unterdessen nach der Reise durch Mazedonien in Serbien an. Die Gruppe habe Presevo erreicht und sei dort in einem neuen Flüchtlingslager untergebracht worden, berichtete der Belgrader Sender B92.

In der serbischen Hauptstadt Belgrad soll nun schnell eine Unterkunft für bis zu 3.000 Flüchtlinge geschaffen werden. Serbien sei bereit, zu internationalen Bemühungen zur Problemlösung beizutragen, erklärte Ministerpräsident Aleksandar Vucic. Laut der Tageszeitung "Vecernje novosti" (Samstag-Ausgabe) soll die Notunterkunft unweit des Belgrader Flughafens im Stadtviertel Neu-Belgrad errichtet werden.

Die Bauarbeiten dürften laut anderen Medienberichten aus EU-Fonds mit rund 1,5 Millionen Euro finanziert werden, weitere 400.000 Euro soll die EU dem serbischen Roten Kreuz für Medikamente und Nahrung zur Versorgung von Flüchtlingen bereitstellen. Die meisten Flüchtlinge, die in Belgrad eintreffen, schlafen derzeit unter freiem Himmel in städtischen Parks.