Erstellt am 03. September 2015, 22:18

Flüchtlinge verweigern Fahrt in ungarisches Aufnahmelager. Im ungarischen Bicske haben sich am Donnerstagabend Hunderte Flüchtlinge gegen ihren Transport in ein Flüchtlingslager gewehrt.

 |  NOEN, APA (epa)

Sie waren zuvor an der Weiterreise nach Westen gehindert worden. Gegen Mittag waren die Migranten in Budapest in einen Zug Richtung Sopron gestiegen, in der Hoffnung, von dort nach Österreich zu gelangen. Ihnen droht nun die Abschiebung zurück nach Südosten.

Unerwartet stoppte die Polizei diesen Zug unterwegs in Bicske, 37 Kilometer westlich von Budapest. Sie forderte die Reisenden auf, auszusteigen. 20 Busse standen für ihren Transport in das Flüchtlingslager von Bicske bereit. Auch Dolmetscher waren da. Ein Teil der Flüchtlinge sei in das Lager gebracht worden, viele saßen am späten Abend aber noch im Zug und bestanden darauf, nach Westen zu reisen.

Die Polizei erklärte ihr Vorgehen damit, dass sie nur die Personalien der Flüchtlinge habe kontrollieren wollen. Dies sei wegen der chaotischen Zustände am Budapester Ostbahnhof nicht möglich gewesen. Deswegen habe man den Zug in Bicske aufgehalten.

Diejenigen Flüchtlinge, die sich jetzt in Bicske freiwillig kontrollieren lassen, würden in ein Aufnahmelager gebracht. Jene, die die Kontrolle verweigerten, würden abgeschoben, erklärte der Vize-Chef der ungarischen Einwanderungsbehörde, Attila Kiss. Laut ungarischen Regelungen werden Flüchtlinge in das Land abgeschoben, aus dem sie eingereist sind. In den meisten Fällen ist dies derzeit Serbien.

Die seit Mittag im Zug sitzenden Flüchtlinge verweigerten demonstrativ die von der Polizei angebotene Nahrung, berichtete die staatliche ungarische Nachrichtenagentur MTI. Freiwillige, die den Flüchtlingen Essen bringen wollten, wurden zugleich von der Polizei nicht zum Zug vorgelassen.

Den Ort Bicske riegelte die Polizei ab und erklärte ihn zum Einsatzgebiet. Die Medienvertreter wurden zum Verlassen aufgefordert. Laut einem Reuters-Reporter setzte die Polizei auch Schlagstöcke ein, um Journalisten zu vertreiben.

Die Flüchtlinge waren am Vormittag am Budapester Ostbahnhof in den Zug gedrängt. Als Ziel wurde die ungarische Grenzstadt Sopron genannt. Über Österreich sollten die Flüchtlinge nach München gebracht werden, hatte ein Polizist am Bahnsteig gegenüber der APA erklärt. Zugleich hatte die ungarische Eisenbahngesellschaft MAV erklärt, es gebe bis auf Weiteres keine direkten Züge von Budapest nach Westeuropa. Am Vormittag fuhren auch keine Züge von Österreich direkt in die ungarische Hauptstadt. Auch die tschechische Eisenbahn CD teilte mit, dass die internationalen Eurocity-Zugverbindungen von Berlin über Prag nach Budapest seit Donnerstagvormittag im ungarischen Grenzbahnhof Szob beginnen oder enden. In Szob müssten die Reisenden in Regionalzüge umsteigen.

Bei der ÖBB herrschte Unklarheit über die Planungen in Ungarn. Am Abend wurden schließlich in Österreich keine Züge mit Flüchtlingen mehr erwartet. Die ÖBB rechneten überhaupt mit keinen Fahrgästen aus Ungarn mehr. Auch die Polizei erwartete "keine Flüchtlingszüge mehr", sagte Sprecher Roman Hahslinger der APA. Nach Angaben der Polizei kamen am Donnerstag im Laufe des Tages 40 Flüchtlinge auf den Wiener Bahnhöfen an.

Nachdem die Flüchtlinge in Bicske aus den Zügen geholt wurden, kam es in Budapest vor dem Bahnhof erneut zu lautstarken Protesten von Flüchtlingen. "Germany, Germany!" skandierten rund 100 junge Männer. Die Polizei nahm im Inneren des Gebäudes mit Helmen und Schlagstöcken Aufstellung. Rund 300 Flüchtlinge begannen am Donnerstagnachmittag vor dem Bahnhof einen Sitzstreik. "Where is Humanity?" (Wo ist die Menschlichkeit?) und "Where is Freedom?" (Wo ist die Freiheit?) stand auf Pappkartons, die sie in die Kameras der zahlreichen Journalisten hielten.

Die ungarische Polizei eröffnet derweil am Freitag eine neue Sammelstelle an der ungarisch-serbischen Grenze. Die Einrichtung in der Nähe der Grenzstadt Röszke kann 1.000 Flüchtlinge aufnehmen und liegt nahe des sogenannten "Hangar", in dem die Registrierung der Migranten erfolgt, berichtet die ungarische Nachrichtenagentur MTI am Donnerstag unter Berufung auf das Landespolizeipräsidium (ORFK).

An der Fertigstellung der neuen Sammelstelle, die für 38 Millionen Forint (rund 120.000 Euro) realisierte wurde, waren neben Bauarbeitern auch Strafgefangene beteiligt, die unter Ausicht von Beamten des Strafvollzugs arbeiten. Das Gelände soll laut MTI mit einem Zaun umgeben werden, der dem 175 km langen, 4,5 Meter hohen Grenzzaun an der ungarisch-serbischen Grenze ähneln soll. In der Region um Röszke treffen derzeit laut Medienberichten die meisten Flüchtlinge ein. Sie kommen über die Eisenbahngleisen nach Ungarn, die nicht durch den Stacheldrahtzaun versperrt werden konnten.