Erstellt am 01. September 2015, 17:57

Flüchtlingszustrom am Wiener Westbahnhof ging zurück. Die Caritas hat am Dienstag am Wiener Westbahnhof die Koordination von Sachspenden übernommen.

 |  NOEN, APA (Schlager)

Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wurde als überwältigend beschrieben, Spenden wurden am Nachmittag keine mehr benötigt. Bis 17.00 Uhr kamen acht Züge aus Budapest in Wien an. Vier wurden noch erwartet. Laut Polizeisprecher Roman Hahslinger erreichten am Dienstag 150 Flüchtlinge den Westbahnhof.

Die Polizei hielt sich am Westbahnhof weiterhin völlig zurück. "Wir haben die Frage der Sicherheit der Flüchtlinge auf den Bahnhöfen selbst in die Hand genommen", sagte Michael Braun, Sprecher der ÖBB. Rund 30 Mitarbeiter wurden dafür extra abgestellt. "Wir wollen dieser humanitären Krise mit Menschlichkeit begegnen", erklärte der Sprecher. Allerdings seien die Bundesbahnen durch diese Situation "sehr belastet".

"In erster Linie geht es darum, die Schlepper zu bekämpfen", begründete Polizeisprecher Roman Hahslinger die geringe Anzahl an Beamten. Zudem werde auch darauf geachtet, dass es in Zügen zu keinerlei Gefährdung komme. "Es wurden am Bahnsteig keine Kontrollen durchgeführt", sagte Hahslinger. Gerade eine Handvoll Polizisten war am Westbahnhof abgestellt, um etwaige Asylanträge entgegenzunehmen. Bis 17.00 Uhr suchte jedoch niemand um Asyl an, sagte Hahslinger.

Am Nachmittag fand eine Koordinierungssitzung der Einsatzorganisationen statt. Dabei wurde vereinbart, dass die Caritas sowohl das Sachspendenmanagement als auch die Koordination der Dolmetscher übernimmt. Ab 19.00 Uhr sollen in einem leer stehenden Bürogebäude neben dem Westbahnhof auch Feldbetten aufgestellt werden, sagte Alexander Bodmann, Caritas-Generalsekretär der Erzdiözese Wien.

Im Management der ÖBB wurde eine Task-Force gegründet. "Wir rechnen weiterhin mit einem großen Zustrom auf unsere Züge", sagte Braun. Allerdings werden teilweise auf ungarischer Seite Maßnahmen getroffen, "die für uns nicht vorhersehbar sind". "So gut wie alle haben Tickets von Budapest nach Deutschland", sagte der Sprecher. In den Zügen werden die "Fahrgäste kostenlos mit Getränken und Snacks versorgt". Die ÖBB schickten Mitarbeiter mit Fremdsprachenkenntnissen zum Grenzbahnhof Hegyeshalom.

Unterdessen bedankte sich ÖBB-Chef Christian Kern in einem offenen Brief auf Facebook bei seinen Mitarbeitern. "Was Sie in den vergangenen 36 Stunden geleistet haben, macht mich richtig stolz. In einer außergewöhnlichen Situation haben Sie gezeigt, was wir gemeinsam zu leisten im Stande sind", schrieb Kern.

1.500 bis 2.000 Flüchtlinge verbrachten indes die Nacht auf Dienstag am Salzburger Hauptbahnhof. Die ÖBB hielt deshalb extra den Bahnhof offen. Inzwischen seien aber alle nach Deutschland weitergereist, sagte Polizei-Sprecherin Valerie Hillebrand. Gröbere Zwischenfälle hat es ihren Angaben zufolge keine gegeben. Das Rote Kreuz und die ÖBB betreuten die Migranten, verabreichten Getränke, Obst, Decken und Hygieneartikel.

Nach der Einreise Hunderter Flüchtlinge aus Ungarn über Österreich hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann unterdessen zugesichert, diese nicht dorthin zurückzuschicken. Die Neuankömmlinge würden in Bayern registriert und in die Aufnahmeeinrichtungen gebracht, sagte Herrmann am Dienstag im ZDF. Das sei "selbstverständlich". Er wisse bisher nicht, warum Ungarn plötzlich den in Budapest wartenden Migranten die freie Weiterfahrt nach Deutschland erlaubt habe. Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere und er seien bemüht, rasch von Ungarn zu erfahren, wie es in den nächsten Tagen weitergehen solle.

Laut dem Dublin-System ist eigentlich dasjenige EU-Land für die Aufnahme von Flüchtlingen und die Bearbeitung ihrer Asylanträge zuständig, in dem sie erstmals die Europäische Union betraten. Angesichts des starken Anstiegs der Flüchtlingszahlen lassen Italien, Griechenland und Ungarn, wo die meisten Flüchtlinge in die EU gelangen, die Migranten aber inzwischen weitgehend unkontrolliert weiterreisen.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) betonte, dass das Dublin-System für Flüchtlinge weiter in Kraft sei. Um den plötzlichen Ansturm von Asylwerbern in Zügen aus Ungarn Richtung Deutschland einzubremsen, müsse die Deutsche Regierung diese Menschen dringend darüber informieren, dass die Dublin-Regeln weiterhin gelten. Der Grund warum tausende Flüchtlinge die Züge stürmen, um von Ungarn über Österreich nach Deutschland zu gelangen, seien Meldungen wonach Deutschland Dublin für syrische Asylwerber aussetzen würde.

Die deutsche Bundesregierung erklärte hingegen: "Deutschland hat Dublin nicht ausgesetzt." Dublin sei geltendes Recht in Europa, sagte ein Sprecher. Asylbewerber müssten in dem Land registriert werden, in dem sie die Europäische Union betreten hätten. Wer also nach Ungarn komme, müsse sich vor Ort registrieren lassen und dort das Asylverfahren durchlaufen. Aus rein praktischen Erwägungen verzichte Deutschland aber bei syrischen Asylbewerbern "im Regelfall" auf die Rückführung in andere EU-Staaten. Dabei handle es sich um eine Leitlinie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, "nicht um eine formal bindende Vorgabe".

Rund 250 Menschen fanden sich im westslowakischen Trnava am Dienstagnachmittag zu einem Protest gegen Flüchtlinge zusammen, zu dem die rechtsradikale Volkspartei - Unsere Slowakei (Ludova strana - Nase Slovensko LS-NS) von Marian Kotleba aufgerufen hatte.

Der kontroverse Parteichef und Regionspräsident selbst war allerdings nicht anwesend, er wurde kurz vor Beginn der Veranstaltung von der Polizei zum Verhör vorgeladen, berichtete die Internetseite sme.sk.

Der Protest war gegen die bevorstehende Ankunft von Asylanten in die Slowakei gerichtet. Laut einer Vereinbarung zwischen Wien und Bratislava sollen 500 Asylbewerber aus Österreich vorübergehend im südslowakischen Gabcikovo untergebracht werden; nach mehrmaligen Verschiebungen gilt jetzt Anfang September als voraussichtlicher Termin.