Erstellt am 13. Oktober 2015, 20:40

Flug MH17: Abschlussbericht ließ Schuldfrage offen. Knapp 15 Monate nach dem Absturz eines Passagierflugzeugs über der Ostukraine mit 298 Toten steht die Ursache fest, über die Schuldfrage wird weiter gestritten.

 |  NOEN, APA (AFP)

Klar ist nun, dass die Boeing der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH17 im Juli 2014 von einer bodengestützten Luftabwehrrakete vom Typ Buk abgeschossen wurde.

In seinem am Dienstag präsentierten Abschlussbericht ließ der niederländische Sicherheitsrat jedoch offen, von wem und von welchem Ort aus die Rakete abgefeuert worden war. Später sagte der Vorsitzenden des Sicherheitsrates, Tjibbe Joustra, im niederländischen Fernsehen, die Buk-Rakete sei von Rebellengebiet aus abgefeuert worden

Teile der Ostukraine werden von prorussischen Separatisten kontrolliert, die Ukraine und Russland machen sich seit der Katastrophe gegenseitig für den Abschuss verantwortlich. Das schon vor Jahrzehnten entwickelte Buk-System gehört zum Bestand mehrerer Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Der Sicherheitsrat-Vorsitzende Joustra sagte im TV zum Abschussort: "Es ist ein Gebiet, wo die Grenzen fließend waren. Aber es ist ein Gebiet, wo die pro-russischen Rebellen die Kontrolle hatten." Bei der Vorstellung des Abschlussberichtes hatte er zuvor noch erklärt, dass der Abschussort nicht genau festzustellen sei.

Schwere Vorwürfe erhob der niederländische Sicherheitsrat gegenüber der Ukraine. In der Krisenregion waren zuvor mehrere Militärmaschinen abgeschossen worden, dennoch flogen Dutzende Fluggesellschaften weiter über dem umkämpften Gebiet. "Die Ukraine hätte den Luftraum vorsorglich für die zivile Luftfahrt sperren müssen", betonte Joustra. Die Maschine war am 17. Juli auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als sie um 15.20 Uhr mitteleuropäischer Zeit abgeschossen wurde.

"Der Raketenkopf explodierte in unmittelbarer Nähe an der linken Seite des Cockpits", schilderte Joustra. Tausende Metallteile durchbohrten dann mit großer Wucht die Maschine, das Cockpit löste sich vom Flugzeug. Die Boeing brach in der Luft auseinander und stürzte zu Boden. In den Leichen der beiden Piloten und des Funkers wurden Metallsplitter der Rakete gefunden. Der Flugrekorder zeichnete in den letzten Millisekunden auch noch das Geräusch der Rakete auf. "Nichts anderes als das Buk-Luftabwehrsystem kann diese Kombination von Tatsachen erklären", sagte Joustra.

Die Menschen in der Maschine hätten den Absturz kaum bewusst miterlebt, stellte der Rat zudem fest. Die meisten müssen bereits in wenigen Sekunden bewusstlos oder tot gewesen sein. Alles sei sehr schnell und unerwartet geschehen, heißt es in dem Bericht. "Es gab kaum Zeit für eine bewusste Reaktion."

Experten aus sieben Ländern rekonstruierten auf Grundlage der Daten der Flugschreiber, des Funkverkehrs und aus den Trümmern der Maschine, was an jenem Tag geschah. Aus den an der Absturzstelle gefundenen Trümmern setzten sie den vorderen Teil der Maschine wieder zusammen. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt hatten sie technisches und menschliches Versagen sowie einen terroristischen Anschlag ausgeschlossen. "Auch ein Beschuss von einem anderen Flugzeug aus ist unmöglich", betonte der Leiter der Untersuchung.

Die Frage, wo genau die Rakete abgefeuert wurde, ist für die Schuldfrage entscheidend. Das mögliche Gebiet im Osten der Ukraine ist dem Bericht zufolge 320 Quadratkilometer groß.

Nach der Vorlage des Abschlussberichts zum Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine hat die russische Regierung Zweifel an den Absichten der niederländischen Ermittlern geäußert. Es gebe immer noch "ernsthafte Zweifel" am "wirklichen Ziel" der Ermittlungen, erklärte das Außenministerium in Moskau am Dienstagabend.

Es sei fraglich, ob es darum gegangen sei, die "wahren Gründe der Katastrophe" herauszufinden oder "Schuldzuweisungen zu rechtfertigen". Das Ministerium zeigte sich zudem erstaunt, dass die Ermittler nicht nach Russland gereist seien, um die "Beweise" des Rüstungskonzerns Almaz-Antey zu untersuchen.

Der ukrainische Vizeregierungschef Gennadi Subko sagte in Kiew, der "Terrorakt" sei mit einer Buk-Rakete verübt worden, die von Separatistengebiet abgefeuert worden sei. Die Separatisten wiederum wiesen das zurück.

Die USA werteten den Bericht als wichtigen Meilenstein auf dem Weg, die Verantwortlichen für den Abschuss zur Rechenschaft zu ziehen. Der Sprecher des nationalen Sicherheitsrats, Ned Price, sagte: "Unsere Einschätzung ist unverändert: MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen, die von Separatisten-kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine abgefeuert wurde."

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach von "schockierenden Ergebnissen" vor allem für die Angehörigen. "Nun hat die strafrechtliche Verfolgung der Täter unsere Priorität." Zuvor hatte der Sicherheitsrat mehrere hundert Angehörige der Opfer über die Untersuchungsergebnisse informiert.