Erstellt am 07. September 2015, 13:30

Foto des toten Aylan sorgt weiter für Diskussion. Das Foto des toten Flüchtlingsbuben Aylan, der vergangene Woche im Mittelmeer ertrunken und an einem Strand in der Türkei angespült wurde, sorgt auch in Österreich weiter für Diskussionen.

Aylans Vater sprach sich für eine Veröffentlichung aus  |  NOEN, APA (epa)

Der Presserat hat inzwischen mehrere Verfahren eingeleitet. Kritik gab es am Wochenende am Nachrichtenmagazin "profil", das den leblosen Körper des Dreijährigen am Cover der aktuellen Ausgabe abbildete. "Es ist wirklich erschütternd, dass es sogar von Qualitätsmedien keinerlei Bewusstsein für Persönlichkeitsschutz gibt", kritisierte die Medienanwältin Maria Windhager den Abdruck auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins. "Interessant ist, dass im Unterschied von der Veröffentlichung von den erstickten Toten im Kastenwagen, die Veröffentlichung von vielen toleriert wird", so Windhager.

Während es gegen die Veröffentlichung eines Bildes der toten Flüchtlinge auf der A4 in der "Kronen Zeitung"über 170 Beschwerden beim Presserat gab, gingen gegen die "profil"-Titelseite bis Montagvormittag vorerst keine Beschwerden beim Selbstkontrollorgan der österreichischen Presse ein.

Beschwerden wegen der Aylan-Fotos gab es bisher lediglich gegen den Online-"Kurier" und gegen "Österreich". Beide Medien brachten ein Foto, auf dem ein Polizist den Buben vom Strand wegträgt und dabei zur Hälfte verdeckt. Die meisten österreichischen Tageszeitungen verzichteten hingegen bewusst auf einen Abdruck des Bildes.

"Der Tod ist ein privater, intimer Moment"

Presserats-Geschäftsführer Alexander Warzilek sprach von einem Spannungsfeld. "Was gegen die Veröffentlichung spricht: Der Tod ist ein privater, intimer Moment. Die Pietät. Und der Persönlichkeitsschutz ist bei Kindern besonders stark ausgeprägt. Was für eine Veröffentlichung spricht: Der Vater des Buben hat erklärt, man soll dieses Leid der ganzen Welt zeigen. Es handelt sich um ein hochaktuelles Thema, bei dem das öffentliche Interesse besonders groß ist, und solche Schockbilder können die Welt und die Politik wachrütteln und die öffentliche Meinung beeinflussen."

Während sich der Vater Aylans in Interviews für eine Veröffentlichung aussprach, meinte die Tante des Buben, dass die Medien nicht den ertrunkenen Aylan zeigen sollten, sondern Fotos des lachenden Kindes. So sollte sich die Welt an Aylan erinnern.

"Diesen Anblick müssten wir aushalten"

"profil"-Herausgeber Christian Rainer wies unterdessen auf die Wirkung solcher Fotos hin: "Wie viel Borniertheit braucht es, um für eine Unterdrückung dieses Fotos zu argumentieren?" Angesichts dieser "herzzerreißenden Bilder, bedürfte es vieler Liter kalten Blutes, damit keine menschliche Regung zutage tritt".

Medienanwältin Windhager forderte hingegen Persönlichkeitsschutz für Aylan: "Das Foto sei eine Ikone, die Veröffentlichung vom Vater erwünscht, nichts würde das Elend der Flüchtlingstragödie besser dokumentieren, diesen Anblick müssten wir aushalten. Das sind starke Argumente. Die Macht des Fotos ist gewaltig: Es trifft uns alle mitten ins Herz, dieser Wirkung kann sich wohl niemand entziehen. Trotz dieser Argumente lehne ich die jetzige Veröffentlichung auf dem 'profil'-Cover ab. Mich bestürzt die Selbstgerechtigkeit mit der permanent tote Kinder und Menschen von den Medien instrumentalisiert werden. Wie viele emotionalisierende Bilder brauchen wir noch, um aufzuwachen? Welche Belegfunktion hat dieses Foto? Wir wissen alle, dass seit Jahren Flüchtlinge laufend ertrinken. Für mich steht nach wie vor das Kind und seine Würde im Zentrum. Seine Perspektive muss entscheidend sein, und seine Persönlichkeitsrechte sind zu schützen. Der Respekt gebietet es, ihn nicht noch einmal vorzuführen und ihn zu benutzen."