Erstellt am 14. November 2015, 20:15

Frankreich unter Schock: Fast 130 Tote. Bei einer beispiellosen Terrorserie in Paris mit mehreren fast zeitgleichen Anschlägen sind rund 140 Menschen getötet worden.

 |  NOEN, APA (AFP)

Die Terrorwelle in Paris hat nach einer neuen Bilanz der Staatsanwaltschaft 129 Tote gefordert. Diese Zahl sei angesichts der großen Zahl von Schwerverletzten allerdings vorläufig, sagte Staatsanwalt Francois Molins. Es gebe 352 Verletzte, 99 davon akute Notfälle. Sieben Terroristen seien gestorben. Unter den Verletzten befindet sich auch ein 20-jähriger Tiroler, der eine Schussverletzung erlitt.

Angreifer hatten am Freitagabend bei etwa zeitgleichen Attacken an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt das Feuer eröffnet oder sich selbst in die Luft gesprengt. Die meisten Toten gab es in der Konzerthalle "Bataclan". Allein dort sollen mindestens 80 Menschen ums Leben gekommen. 

Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Ziele waren auch Cafés und Restaurants. Im Café"Le Carillon" gab es mindestens 14 Tote, im Café"La Belle Équipe" mindestens 18 Tote. Nach Angaben vom späten Freitagabend starben acht Angreifer.

Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine minutiös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf das "Bataclan" waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo gerade die US-Rockband "Eagles of Death Metal" auftrat. Mit Maschinengewehren schossen sie mehr als 10 Minuten wild um sich. Der Boden war anschließend übersät mit Leichen. "Alle versuchten zu fliehen, die Menschen trampelten aufeinander herum, es war die Hölle", berichtete ein Augenzeuge.

Einer der Täter soll "Allah ist groß" gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten. Der Mann habe gerufen: "Das ist die Schuld von Hollande. Das ist die Schuld Eures Präsidenten. Er hätte nicht in Syrien eingreifen dürfen." Von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat wurden die Attacken im Internet gefeiert.

Vielen der fast 1.500 Zuschauer gelang die Flucht. Nach Angaben der Polizei töteten sich drei der Angreifer dann selbst, indem sie ihre Sprengstoffgürtel zündeten. Ein vierter sei von der Polizei getötet worden. Als Vorgruppe war im "Bataclan" das österreichische Rock-Duo White Miles aufgetreten, das den Anschlag offenbar unverletzt überstand. "Medina und ich sind ok", schrieb Lofi Lodir alias Hansjörg Loferer auf Facebook.

Das Tiroler Duo befand sich zu Beginn der Terrorattacke gerade nicht in der Halle, weil sie sich etwas zu Essen geholt hatten. Angesichts des Todes eines britischen Crewmitgliedes erklärte der Drummer und Sänger "Lofi" Loferer: "Einer von uns ist nicht mehr unter uns." 

Die Band steht in Kontakt mit der Botschaft. Die Innsbrucker Band, der neben Loferer auch die Gitarristin und Sängerin Medina Rekic angehört, fungierte auf der Tournee der US-Rockband Eagles of Death Metal als Vorgruppe. Die Tournee werde man mit Sicherheit nicht fortsetzen, beide Bands wollten nur noch nach Hause. Die Eagles of Death Metal hätten am 30. November ein ausverkauftes Konzert in der Wiener Arena geben sollen.

In der Konzerthalle "Bataclan" wurde zumindest ein Österreicher verletzt. Ein 20-jähriger Tiroler soll bei dem Anschlag einen Bauchschuss erlitten haben. Angehörige des Opfers und ein Arzt sind bereits auf dem Weg nach Paris. Tirols Landeshauptmann Günther Platter sicherte dem betroffenen Mann aus dem Bezirk Imst und seiner Familie jegliche Unterstützung zu. Platter zeigte sich von den Anschlägen geschockt: "Es ist unfassbar, was sich Menschen gegenseitig antun können." Zwei weitere österreichische Besucher blieben unverletzt, wie ein Sprecher des Außenministeriums der APA berichtete.

Frankreich befindet sich damit erneut in einem Schockzustand. Die Zeitung "Le Figaro" titelte: "Krieg mitten in Paris". Erst vor zehn Monaten hatte ein brutaler Überfall von islamistischen Terroristen auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt das Land erschüttert.

Präsident Francois Hollande rief in einer Fernsehsprache an die Nation den Ausnahmezustand aus. Zugleich sagte er dem Terrorismus "erbarmungslosen" Kampf an. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt - auch mit Blick auf den Weltklimagipfel, zu dem Paris Ende des Monats Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet. Entgegen ersten Ankündigungen blieben die Grenzen aber geöffnet.

Die Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne mit angehört, zusammen mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident dann aus dem Stadion gebracht. In der Nähe des Stadions starben nach offiziellen Angaben auch drei Angreifer.

Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurde das Militär verstärkt. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Bürgermeisterin Anne Hidalgo und die Polizei forderten alle Pariser Bürger auf, zu Hause zu bleiben. 

Am Samstag blieben Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen. Sämtliche für das Wochenende geplanten Sportveranstaltungen im Großraum Paris wurden abgesagt, auch Touristenattraktionen wie der Eiffelturm oder Disneyland blieben zu und mehrere Metro-Linien wurden unterbrochen.

Mit mehr als 120 Toten ist dies die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt worden. Die Anschläge gingen auf das Konto von islamistischen Terroristen.

Trotz der blutigen Anschläge hält Frankreichs Regierung an der Ausrichtung des in zwei Wochen beginnenden Klimagipfels in der französischen Hauptstadt fest. Die UNO-Klimakonferenz werde "mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen stattfinden", teilte das französische Außenministerium am Samstag in Paris mit.

Außenminister Laurent Fabius erklärte, die am 30. November beginnende Konferenz sei im Kampf gegen die Erderwärmung "absolut unerlässlich". Die US-Regierung teilte mit, US-Präsident Barack Obama werde wie geplant an dem Gipfel teilnehmen.