Erstellt am 02. Juli 2014, 15:46

von APA Red

Frau vor U-Bahn gestoßen. Wegen versuchten Mordes hatte sich ein 40-jähriger Mann am Mittwoch vor einem Wiener Schwurgericht zu verantworten. Er hat am 20. September 2013 ohne ersichtlichen Grund eine ihm wildfremde Frau vor die U-Bahn gestoßen.

 |  NOEN, www.BilderBox.com

Dass die 43-Jährige mit dem Leben davonkam, bezeichnete Staatsanwältin Judith Ziska als "ein Wunder". Der Angeklagte sprach von einem "Unfall", der ihm leidtue.

Es dürfte vor allem die Geistesgegenwart der Frau gewesen sein, die sie glimpflich davon kommen ließ. Obwohl sie meterweit durch die Luft geflogen war, ehe sie auf die Geleise krachte und dabei zwei Schneidezähne verlor und schwere Prellungen erlitt, rappelte sie sich umgehend auf und ließ sich von Passanten, die den Vorfall mitangesehen hatten, auf den Bahnsteig ziehen. Sekundenbruchteile, nachdem das geschafft war, fuhr die U-Bahn ein.

Passiert war das Ganze um 23.50 Uhr in der U1-Station Nestroyplatz. Die gebürtige Chinesin, die seit 25 Jahren in Wien lebt, wollte von einer Feier nach Hause fahren, als sie von einem ihr völlig unbekannten Mann von hinten einen wuchtigen Stoß erhielt.

"Sie hat sich mit Blickrichtung zur U-Bahn drei Meter von der Bahnsteigkante entfernt befunden. Der Stoß war derart heftig, dass sie viereinhalb Meter nach vorne geflogen und am Bauch auf den Geleisen gelandet ist", betonte die Staatsanwältin. Die Frau sei "in Panik, in Todesangst" geraten, zumal sie zuvor auf der Anzeigetafel gesehen hatte, dass der nächste Zug nur mehr eine Minute entfernt war.

Die psychischen Folgen des Geschehens machen der 43-Jährigen nach wie vor zu schaffen. "Für sie gibt es ein Leben davor und ein Leben danach. Sie hat dem Tod ins Auge geschaut", sagte ihre Rechtsvertreterin nach dem Vortrag der Anklage. Die Frau befinde sich bis auf Weiteres in psychiatrischer Behandlung.

Der Angeklagte - ein 40 Jahre alter gebürtiger Tscheche, der seit zwei Jahren in Wien lebt - behauptete, das Ganze sei "durch einen unglücklichen Zufall" passiert. Er sei damals nach dem Konsum einer halben Whiskeyflasche und mehreren Bier sehr betrunken gewesen: "Da mein Sehvermögen nicht mehr sehr gut funktioniert hat, bin ich im letzten Moment gegen die Frau gestoßen." Verletzungsabsicht habe er keine gehabt, betonte der Mann.

Wie der Gerichtsmediziner Christian Reiter in seinem Gutachten darlegte, wären bei der auf die U-Bahn-Geleise gestoßenen Frau weit schwerere als die tatsächlich erlittenen Verletzungen zu erwarten gewesen. Der Sachverständige hätte bei dem Sturz mit einem Schädelbruch und multiplen Knochenfrakturen gerechnet: "Es war ein Zufall, dass nur so wenig passiert ist", führte er aus.

Die Gerichtspsychiaterin Sigrun Rommanith bescheinigte dem Angeklagten eine Persönlichkeits- und Verhaltensstörung, die sie als eine geistige oder seelische Abartigkeit höheren Grades qualifizierte. Obwohl der 40-Jährige laut Gutachten zurechnungsfähig war, sei zu befürchten, dass er infolge seiner Erkrankung neuerlich Straftaten mit schweren Folgen begehen könnte.