Erstellt am 07. Juli 2014, 16:04

von APA/Red

Auch ohne Neymar will Brasilien "Hexa" schaffen. Den Schock des Neymar-Ausfalls will Brasilien überwunden haben. Auch ohne den Superstar strebt der Rekordweltmeister bei der Heim-WM den nächsten Schritt zur "Hexacampeao", dem sechsten WM-Titel, an.

 Am Dienstag (22.00 Uhr MESZ) wartet mit Deutschland ein an Konstanz kaum zu überbietender Gegner auf die Hausherren. Die Deutschen wollen in Belo Horizonte Europas Misere in Südamerika beenden.

Der dreifache Weltmeister müsste für den Finaleinzug ein Novum schaffen. Noch nie hat ein europäisches Team in Südamerika gegen eine südamerikanische Mannschaft in der K.o.-Runde gewonnen. Bei neun Anläufen gab es bisher neun Niederlagen. Bundestrainer Joachim Löw schob den Brasilianern auch ohne Neymar sowie den gesperrten Kapitän Thiago Silva deshalb geschickt die Favoritenrolle zu.

"Wir spielen nicht nur gegen elf Brasilianer auf dem Platz, wir spielen gegen das ganze Land", sagte Löw im ARD-Hörfunk und legte die Rollen fest: "Der Druck liegt ganz klar bei Brasilien. 200 Millionen Menschen, Fußball-Land, Rekordweltmeister, zu Hause – die Favoritenrolle hat schon Brasilien." In Ehrfurcht erstarren wird Deutschlands noch ungekrönte Generation am Tag genau 24 Jahre nach dem letzten WM-Triumph in Italien 1990 aber nicht.

"Nummer 10 wird mit uns sein"

"Wir haben schon Mittel und Wege und Qualitäten, die Brasilianer nach Hause zu schicken. Unsere Mannschaft hat keine Angst", betonte Löw. Nach dem Finale 2002 sowie den Halbfinali 2006 und 2010 soll nun endlich der große Wurf folgen. Kapitän Philipp Lahm klang ähnlich.

"Der Glaube an den Titel ist da. Wir haben schon fünf Spiele hinter uns und keines verloren. Das Selbstvertrauen ist groß", hob der wieder rechts außen agierende Verteidiger den Willen seiner Elf hervor.

Im brasilianischen Lager schöpft man die Motivation aus dem nationalen Drama um den verletzten Neymar. Der Gastgeber will eine Trotzreaktion zeigen. "Unsere Nummer 10 wird mit uns sein, wenn er kann auf der Bank oder auf der Tribüne", sagte Teamchef Luiz Felipe Scolari hoffnungsvoll und versuchte sein Team auf den nationalen Auftrag einzuschwören. Jetzt erst recht, ist seine Botschaft.

Der Hype um den Edeltechniker vom FC Barcelona lässt auch nach dessen WM-Aus wegen eines Lendenwirbelbruchs nicht nach. Brasiliens Mannschaftsarzt Jose Luiz Runco musste sogar Berichte von einem möglichen Wunder-Comeback im Finale energisch zurückweisen. Für Scolari ist der Ausfall Neymars "eine Katastrophe", aber der Weltmeister-Coach von 2002 ist bemüht, Gelassenheit zu versprühen.

Er sei "ruhig" und "sehr zuversichtlich", verkündete der 65-Jährige. Am Sonntagabend bekam Brasilien im Trainingscamp in Teresopolis wieder einmal Besuch von Teampsychologin Regina Brandao, die versicherte, die Mannschaft habe das Trauma Neymar überwunden. "Wir wollen für Neymar siegen", versprach Hulk, auf dessen Schultern nun umso mehr Druck lastet. "Das Beste ist, dass wir als Team spielen", sagte Mittelfeldmann Oscar.

Auch ohne "Superstar" glaubt Brasilien an Sieg

Für Thiago Silva wird wohl Bayern Münchens Dante in der Innenverteidigung agieren, anstelle von Neymar Chelsea-Profi Willian oder Bernard von Schachtar Donezk einlaufen. Inwiefern sich dies auf die Spielanlage auswirkt, ist abzuwarten. Dass Brasilien von Neymar abhängig war, blieb selbst Laien nicht verborgen. Löw meinte hingegen, Brasilien sei nun schwerer auszurechnen.

"Alle anderen Spieler werden noch mehr Verantwortung übernehmen. Sie sagen, jetzt erst recht, wenn ihr Superstar ausfällt", prophezeite der deutsche Teamchef. Brasiliens Ex-Torjäger Ronaldo stellte klar: "Wenn Deutschland glaubt, sie spielen gegen ein schwaches, entmutigtes Team, weil wir Neymar verloren haben, dann machen sie einen großen Fehler."

Im WM-Finale 2002 war Ronaldo beim 2:0 Brasiliens gegen Deutschland mit zwei Toren Matchwinner. Scolari saß schon damals, beim bisher einzigen WM-Duell der beiden Fußball-Großmächte, als Chefcoach auf der Bank.

Auf deutscher Seite will Miroslav Klose als einzig verbliebener Akteur von 2002 Revanche nehmen. Einen offenen Schlagabtausch erwartete Klose jedoch nicht: "Ein Halbfinale ist ein taktisches Geplänkel."

Geleitet wird das erste Halbfinale vom Mexikaner Marco Rodriguez. Für den 40-Jährigen ist es beim Turnier in Brasilien der dritte Einsatz nach den Gruppenspielen zwischen Belgien und Algerien (2:1) sowie Italien und Uruguay (0:1), als er den Biss von Stürmer Luis Suarez gegen Giorgio Chiellini übersah.