Erstellt am 02. Juni 2016, 11:05

Gewalt ist für viele Frauen alltäglich. Sexualisierte Gewalt gehöre in Österreich zum Alltag. Gewalt sei aber vor allem in bildungsnahen Schichten oft unsichtbar, sagte die Leiterin der Wiener Frauenhäuser, Andrea Brem, in einem Interview mit der am Samstag erscheinenden Ausgabe des von SOS Mitmensch herausgegebenen MO-Magazins für Menschenrechte.

 |  NOEN, APA (Archiv)

Egal ob Österreicherinnen oder Asylwerberinnen, sexuelle Gewalt komme überall vor und werde schnell bagatellisiert. "Viele Frauen werden jede Nacht von ihren eigenen Männern vergewaltigt, definieren das aber nicht so, weil sie glauben, dass das zur Ehe dazugehört", sagte Brem. In Frauenhäusern seien alle Schichten vertreten: "Im Moment haben wir Bewohnerinnen aus 28 Ländern. Wir haben Frauen mit einem Universitätsabschluss, und wir haben auch Analphabetinnen. Das, was sie alle vereint, ist die Gewalt, die sie durch ihren Mann oder Lebenspartner erfahren haben."

Besonders in bildungsnahen Schichten sei Gewalt häufig nicht so offensichtlich, weil die Täter wüssten, mit welchen Konsequenzen sie rechnen müssen, sagte Brem. Statt eingeschlagener Zähne und Hämatome gehe es mehr um Psychoterror, der viel schwerer beweisbar sei. "Es geht hier um Grenzen, die massiv überschritten werden, und Frauen, die täglich abgewertet und beschimpft werden. Frauen, die kontrolliert werden und teilweise nicht über ihr eigenes Geld verfügen können, wo die persönliche und seelische Freiheit massiv eingeschränkt wird. Das schafft eine Spirale, in der die Frauen gefangen sind."

Betroffene würden oft in Phasen ins Frauenhaus kommen, wo sich ihre Situation ein bisschen gebessert hat. Es sei meistens nicht der Moment, wo die ärgste Gewalt passiere, sondern einer, wo sie sich gerade wieder sammeln konnten. Unterstützt würden sie dabei mitunter von couragierten Menschen, die nicht einfach wegschauen. Brem nannte als Beispiel eine Passantin, die vor kurzem eine Frau ansprach, die blutverschmiert auf einer Parkbank saß. Es würden auch immer wieder Firmenchefs anrufen, weil sie sich um die Situation von Mitarbeiterinnen sorgten. Es gebe viele Beispiele solcher Zivilcourage.