Erstellt am 23. Juni 2015, 18:11

von APA/Red

U-Haft über Verdächtigen nach Amokfahrt verhängt. Der 26-Jährige, der am Samstag bei einer Amokfahrt durch die Grazer Innenstadt drei Menschen getötet und mittlerweile 36 weitere zum Teil schwer verletzt hat, ist am Dienstag in Untersuchungshaft genommen worden.

In Graz herrscht weiterhin Fassungslosigkeit  |  NOEN, APA

Der Mann gab bisher nur an, er habe sich verfolgt gefühlt, machte sonst aber wirre Angaben oder schwieg. Zwei Menschen schwebten immer noch in Lebensgefahr.

Entscheidung über Zurechnungsfähigkeit "derzeit absolut verfrüht"

"Der Beschuldigte blieb auch gegenüber dem Haftrichter im Wesentlichen bei seiner bisherigen Aussage", hieß es in der Aussendung der Staatsanwaltschaft Graz. Der beim Verhör auch anwesende psychiatrische Sachverständige sei zu dem Schluss gekommen, dass es bei derartigen Handlungen solchen Ausmaßes "derzeit noch absolut verfrüht" sei, definitiv über die Frage der Zurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat zu entscheiden.

Es bedürfe einer Untersuchung des Mannes über einen längeren Zeitraum, um eine entsprechende Diagnose stellen zu können. Eine akute ärztliche Behandlung bzw. ärztliche Beobachtung des Beschuldigten ist "zur Zeit nicht notwendig".

Spätestens am 7. Juli werde im Rahmen einer Haftverhandlung geprüft werden, ob die Voraussetzungen für die Untersuchungshaft weiter vorliegen. Bis dahin sollen weitere Befragungen und Untersuchungen durch den Sachverständigen stattfinden. Einen Verteidiger habe der Beschuldigte bisher nicht genannt. Das Gericht hat ihm daher einen Verfahrenshilfeverteidiger beigestellt.

Christian Kroschl, Sprecher der Staatsanwaltschaft, berichtete in den Stunden vor der Entscheidung des Haftrichters, was die Ehefrau des Verdächtigen ausgesagt hat: Es soll Eheprobleme gegeben haben, unter anderem weil er gewalttätig wurde und wollte, dass sie ein Kopftuch trägt. Der Verdächtige soll sich seit seiner Wegweisung aus dem Elternhaus etwa zwei Wochen "wo untergemietet" haben und zuletzt wieder bei seinen Eltern gewesen sein.

Verfahren wegen häuslicher Gewalt sei noch offen

Seine Frau war mit den Kindern wo anders untergekommen. Sie hatte bei ihrer Vernehmung gesagt, dass sie vorher nichts von seiner Tat wusste. Das Verfahren wegen häuslicher Gewalt sei noch offen, erklärte Kroschl. Seinen Wunsch nach einem Kopftuch habe die zweifache Mutter abgeschlagen, was danach "im Raum stehen geblieben sei".

Rene Kornberger vom Landeskriminalamt schilderte, dass die Eltern des Verdächtigen ebenfalls bereits vernommen wurden, aber nichts zum Sachverhalt beitragen konnten. Aussagen von Zeugen, wonach der Täter bei der Festnahme "Ich habe es für Allah getan" gesagt habe, hätten sich nicht bestätigt.

Das Landeskriminalamt hat zur Aufklärung des Falles auch ein Erhebungsgesuch Richtung Bosnien geschickt. Die Arbeit der Ermittler gestalte sich umfangreich: "Rund 150 Zeugen sind zu befragen, manche von ihnen können auch noch zu Opfern werden, wenn sie gefährdet waren" (wenn sie etwa dem Auto ausgewichen sind, Anm.), sagte Kornberger. 30 bis 35 Videosequenzen von Kameras entlang seiner Route müssen gesichtet und ausgewertet werden, um eine lückenlose Rekonstruktion zu bekommen. Hinzu kommen unzählige Fotos.

Kornberger bat die Bevölkerung außerdem um Mithilfe: Eines der drei Todesopfer wurde noch nicht identifiziert. Es handelt sich um eine 25 bis 30 Jahre alte Frau, die keinen Ausweis bei sich hatte. Sie hat weder eine Tätowierung noch eine auffällige Narbe. Sie hatte braune, grau melierte Haare, war 1,56 Meter groß und 53 Kilogramm schwer. Nun soll anhand ihrer Kleidungsstücke die Identität geklärt werden.

Bub und 28-jähriger Mann waren auf der Stelle tot

Die unbekannte Tote sowie der Bub und der 28-jährige Mann sind am Montag obduziert worden. Sie waren auf der Stelle tot, ihre Verletzungen glichen jenen bei einem Verkehrsunfall auf einer Überlandstraße - also bei hoher Geschwindigkeit, sagte Kornberger. Der Lenker dürfte stellenweise mit bis zu 100 Kilometer pro Stunde durch die Innenstadt gefahren sein.

Die Ermittler bestätigten, dass ein halbautomatisches Gewehr mit Munition - laut "Kleiner Zeitung" waren es 1.000 Schuss - bereits vor Monaten bei dem Mann sichergestellt worden war. Er hatte eine Waffenkarte besessen, doch nach mehreren Zwischenfällen wurde ihm diese abgenommen und damit auch seine Waffe. Bei der Hausdurchsuchung nach seiner Amokfahrt wurden keine weiteren Waffen gefunden.

Dafür wurden mehrere elektronische Medien mitgenommen, die ausgewertet werden müssen. "Es gibt bisher keinen Anhaltspunkt dafür, dass es ein terroristischer Anschlag war", sagte Kornberger. Ebenfalls noch ausständig ist das Ergebnis seines Bluttests. Alkohol hatte er jedenfalls keinen getrunken.

Bundespräsident Heinz Fischer verkürzte am Montag seinen Italien-Aufenthalt, um beim Trauerzug Sonntagabend in Graz teilnehmen zu können. Neben der versammelten steirischen Landesregierung und der Grazer Stadtregierung will auch Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) beim Gedenkmarsch dabei sein. Die amerikanische Botschafterin in Wien, Alexa Wesner, hatte bereits am Montag in Begleitung von Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) ihren Eintrag im Kondolenzbuch im Rathaus niedergeschrieben.

Offizieller Gedenkakt mit Bundespräsident Heinz Fischer 

Die Marschroute für den Trauerzug ist am Dienstag in groben Zügen von der Stadt Graz fixiert worden: Treffpunkt ist bereits um 16.30 Uhr am Griesplatz. Von dort geht es über die Zweiglgasse und Grazbachgasse weiter zum Jakominiplatz und über die Herrengasse zum Hauptplatz. Gegen 18.00 Uhr ist vor dem Rathaus in Anwesenheit von Bundespräsident Fischer der offizielle Gedenkakt vorgesehen. Dabei ist ein gemeinsames Gebet von Vertretern der Ökumene und anderer Glaubensrichtungen geplant.