Erstellt am 27. September 2016, 12:46

Letzte Zeugen und Ex-Frau sagten aus. Am sechsten Tag im Prozess gegen den mutmaßlichen Amokfahrer ist im Grazer Straflandesgericht die Befragung der Zeugen fortgesetzt worden. Alen R. soll im Juni 2015 mit seinem Geländewagen drei Menschen getötet und zahlreiche Personen schwer verletzt haben.

Der sechste Verhandlungstag ist im Gang  |  APA

Ein Mann, der mit seiner Familie radelnd unterwegs war, wurde ebenso wie sein Sohn schwer verletzt. Auch die Ex-Frau von Alen R. sagte aus.

Der Zeuge war mit seiner Frau und den beiden Kindern in der Stadt unterwegs gewesen, als der grüne SUV auf die Familie zusteuerte. Der Vater und einer der Buben wurden erfasst und zu Boden geschleudert. Die Frau schilderte, wie sie zwischen den beiden Schwerverletzten hin- und hergerannt war. "Ich habe gedacht, mein Mann ist sowieso tot", erzählte sie. Er lag bewegungslos in einer Blutlache, sie stellte den einen Sohn hin, "damit er auf den Papa aufpasst". Der andere Bub hatte schwerste Kieferverletzungen, ein Bein stand vom Körper ab. "Alle haben geschrien, ich soll ihn nicht angreifen, sonst ist er querschnittgelähmt." Die Mutter hatte aber Angst, dass ihr Kind am Blut erstickt, und drehte den Kleinen auf die Seite.

Beide Verletzten überlebten, der Vater geht heute noch auf Krücken, der Bub - er wurde abgesondert in einem Nebenzimmer des Gerichtssaals befragt - wirkte wieder recht munter. Er konnte sich an den Vorfall selbst nicht erinnern, schilderte nur, wie er lange im Krankenhaus liegen musste: "Mir war fad und ich hatte Schmerzen." Sein Vater beschrieb, wie der tonnenschwere Wagen direkt auf die Familie zuraste: "Für mich war das ein Mordanschlag."

Eine andere Zeugin schilderte, wie überall verletzte Menschen in der Herrengasse und am Hauptplatz lagen: "Es war die Hölle, ein Bild des Grauens."

Die Ex-Frau von Alen R. beschrieb vor Gericht in Martyrium in der Familie des Amoklenkers: "Er hat mich geschlagen und meinen Pass weggeräumt". Auch seine Mutter sei tätlich auf sie losgegangen, aus Angst um sich und die Kinder wehrte sie sich nach eigenen Angaben nie. Außerdem schilderte sie eine Cannabis-Zucht, die Alen R. im Haus betrieben haben soll.

Vier Jahre war das Paar verheiratet, und am Anfang sei er "ein ganz anderer Mensch" gewesen, sagte die Zeugin. Sie kam aus Bosnien zu ihm, und "in Österreich war er nur die ersten drei Monate so". Dann soll er gesagt haben: "Du wirst deine Eltern nie wieder sehen." Er und seine Mutter "haben mich mit dem Tod bedroht und gesagt, sie werden mir die Kinder wegnehmen", erzählte die Zeugin.

Seine Angaben, dass er ihren Eltern habe Geld schicken müssen oder von ihr zuhause eingesperrt worden sei, bezeichnete sie als Lüge. Auch sein Verhalten vor Gericht stufte sie so ein: "Ich kenne ihn sehr gut. Er hat das von seiner Mutter gelernt, die ist auch eine gute Schauspielerin." Die Mutter war ebenfalls in der Grazer Nervenklinik Sigmund Freud in Behandlung gewesen, der Richter veranlasste daraufhin, dass die Krankenakte besorgt wurde.

Zuhause habe R. eine Cannabiszucht gehabt "ungefähr zehn Pflanzen, mit einer Lampe", schilderte die Ex-Frau. Er habe täglich etwas von der Droge konsumiert, und zwar mit einem speziellen Inhalationsgerät. Dadurch sei er aber nervös und aggressiv geworden: "Wenn ich etwas gesagt habe, hat er mich geschlagen." Außerdem habe er sich ständig verfolgt gefühlt. "Von wem?", fragte Richter Andreas Rom. "Von Türken und Marsmenschen", antwortete die Befragte. Schließlich wurde sie von Weinkrämpfen geschüttelt: "Ich kann nicht mehr, ich will nach Hause zu meinen Kindern." Zuvor bestätigte sie noch, dass er nie Christ gewesen sei, wie er angegeben habe, sondern Muslim, auch wenn er nur einmal in einer Moschee war.

Alen. R. bestritt die Angaben seiner früheren Frau: "Sie ist nie geschlagen worden, das hätte man gesehen." Als man ihm vorhielt, sie habe sehr wohl Verletzungen gehabt, als sie mit den Kindern ins Frauenhaus gekommen sei, meinte er: "Die hat sie sich selbst zugefügt." Seine Erklärung, warum sie so etwas tun sollte: "Sie ist traumatisiert von ihren Eltern, die sie geschlagen haben."

Befragt wurden dann noch Ärzte aus der Justizanstalt Göllersdorf, wo Alen R. einige Zeit gewesen ist. Dort hatte man ihm Medikamente gegen Schizophrenie verabreicht, ohne eine Untersuchung durchzuführen. Man habe keinen Grund gesehen, die Diagnose des Grazer Krankenhauses - wo er zuvor war - in Zweifel zu stellen, erklärte einer der Ärzte. Alen R. sei "ruhig, eher passiv, aber kooperativ" gewesen.